Der Fall von Saddam Hussein
Zum Aufstieg eines Machtmenschen, der sein
Land in den Ruin trieb
und sich einen unehrenhaften Abgang bescherte
von Awat Asadi
Am 24. Februar 2003 weigerte sich Saddam Hussein, dem
ausdrücklichen Wunsch des CBS-News-Journalisten Dan Rather, der mit dem
Glück beschert worden war, ihn als erster Journalist nach der Befreiung
Kuwaits zu interviewen, entgegenzukommen, nur ein paar Wörter auf englisch
zu reden. Doch zum Zeitpunkt seiner Festnahme an jenem denkwürdigen
Samstagabend (13. Dezember 2003) schien der harmlos wirkende Mann, so die
Überlieferung der anwesenden GIs der Task Force 121, sich bei seiner
Vorstellung einige englische Vokabel angeeignet zu haben. Der Diktator hatte
versucht, den Status eines Staatsmannes zu wahren, um sich jegliche
Schinderei seiner Verfolger zu entziehen. Nicht unbegründet. Während seiner
Regierungszeit war die Mißhandlung der Gesuchten eine gängige Methode bei
der Festnahme.
Der bärtige Mann aus dem Schlupfloch wirkte über die
Fernsehschirme wie ein gewöhnlich Sterblicher, ein harmloser Mensch, harmlos
wie an seiner endgültigen Machtübernahme vor etwa 24 Jahren. In der
Anfangszeit seiner politischen Karriere wurde Saddam Husseins kaum
ernstgenommen. Offensichtlich hatten nur wenige Iraker erkennen können,
wohin das damals reiche Land hinsteuert, wenn das höchste Amt im Staat in
die Hände eines Elements fällt, das wenig von einer zivilisierten
Entwicklung und viel von Terror und Krieg zu verstehen wußte.
Im Irak der späten sechziger und frühen siebziger
Jahre wendete sich das Blatt zum Negativen. Noch destruktiver als beim Sturz
der Monarchie 1958 und beim Untergang von General Abdul-Karim Kassem (Erster
Ministerpräsident nach der Ausrufung der Republik) im Februar 1963. Diese
Entwicklungen machten viele Iraker zu Geiseln ihrer Geschichte. Die Fragen
häufen sich: War Saddam Hussein ein logisches Produkt der neuen irakischen
Geschichte nach 1958? Führte der Weg von Premier Kassem über die Präsidenten
Aref I., Aref II und General al-Bakr, die allesamt hohe militärische Ränge
bekleideten, geradewegs zu Saddam Hussein? Doch wie war es möglich, dass ein
Emporkömmling die Herrschaft über ein relativ kulturerfahrenes Volk gewann,
es binnen weniger Jahre zugrunde richten und unzählige Massengräber
hinterlassen konnte? Wer hat diesem Mann zur Macht verholfen, anstatt ihm
die Faust zu zeigen und ihn zu beschwichtigen?
Es heißt oft, Saddam Hussein habe Präsident General
Ahmad Hassan al-Bakr (1968-1979) als Vehikel zum Machtaufstieg benutzt. Das
sagt nicht viel. Während der ersten Jahre der Präsidentschaft al-Bakrs ist
Saddam Hussein früh in eine Schlüsselrolle gerückt. Schon seit 1969 ist es
nicht möglich, al-Bakrs-Ära angemessen zu erfassen, wenn man dabei Saddam
Husseins Rolle nicht berücksichtigt.
Saddam Hussein wurde nach der Machtübernahme vom Juli
1968 Leiter des nichtstaatlichen Nationalen Sicherheitsbüros des
Kommandorats der Revolution (KRR), der der regierenden Arabischen
Sozialistischen Baathpartei unterstand. Solange die Generäle die
tatsächlichen Mandatsherren des Landes waren, untermauerte Saddam Hussein
seine Ambitionen. Er hielt sich von der direkten Scheinwelt der irakischen
Politik fern.
Erst nach der Entlassung der unerwünschten Elemente im
KRR, nun als Schaltzentrale der Macht im Irak, berief Präsident al-Bakr
Saddam Hussein und neun weitere junge Baathisten niedrigerer Ränge in KRR.
Mit dieser Benennung war Saddam Hussein hoffähig geworden. Voller Elan baute
er seine Macht auf, in dem er seine möglichen Konkurrenten einen nach dem
anderen ausschaltete. Ob von den opportunistischen Erwägungen getrieben,
oder als Anwärter panarabischer Ideale überlebten nur zwei der neun im
November 1969 dem KRR beigetretenen Baathisten die Säuberungsaktionen und
zwar Izzat Ibrahim al-Durri und Taha Yassin Ramadan al-Jazzrawi (im August
dieses Jahres ging er den Fandern ins Netz).
Al-Bakr und Saddam Hussein waren ein gutes Zweigespann
zumindest bis 1978/79. Sie kooperierten relativ lange auch wegen dem
Generationsunterschied, der sie weitgehend trennte. Die Vorgänge nach 1968
zeigten, daß al-Bakr einen Gleichrangigen neben sich auf Dauer nicht
geduldet hätte. Die Vertreibung bzw. Ermordung von Hardan al-Tikriti und die
Verbannung von General Salih Mahdi Ammasch, beide zählten zu den
einflußreichsten Generälen des Putsches vom 17./30. Juli 1968, belegen die
Richtigkeit dieser These. Trotzdem blieben die Unterschiede der beiden
spürbar. Saddam Hussein, ein raffinierter Straßenkämpfer war von Jugend an
gewohnt, im Umgang mit älteren und stärkeren den Kampf mit vollem
körperlichen Einsatz aufzunehmen und zu gewinnen. Vermutlich war die Tötung
eines Kommunisten im Jahr 1958 sein erster "Erfolgserlebnis". Noch als Vize
des sogenannten KRR 1969 jungenhaft und kaum 33 Jahre alt. Al-Bakr dagegen,
zierlich, Jahrgang 1916, ein Staatsmann jedoch zurückhaltend und eher
konservativ, bekleidete schon 1963 das Amt des Ministerpräsidenten für acht
Monate und gehörte zu den wenigen freien Offizieren, die der Monarchie das
blutige Ende bereitet hatten. Mit seiner fortgeschrittenen Altersschwäche
und kaum hörbaren Stimme schien er auf jemanden angewiesen, der ihm ein Maß
an Vertrauen und Schutz zu bieten im stande war. Nachträglich kann die
Behauptung angestellt werden, dass das was al-Bakr und Saddam Hussein
verband, die Entschlossenheit zum Machterhalt war. Obgleich manche Züge der
beiden Personen unterschiedliche Ausprägung zeigten. Al-Bakr war ein
gläubiger Moslim und seine ernsthaften Vereinigungsbemühungen mit den
Baathisten in Syrien 1978/79 führen den Nachweis auf politische Ideale.
Dagegen besaß Saddam Hussein einen ungewöhnlichen Scharfsinn bei der
Unterscheidung zwischen Feind und Freund. Er duldete keine politisch
unliebsamen Ansichten.
Das Bündnis zwischen al-Bakr und Saddam Hussein war
eine erfolgreiche Politik, die den Machthabern am Tigris viel Ärger
ersparte. Das war auch eins der Erfolgsgeheimnisse des Baath-Systems in den
frühen Jahren der zweiten Machtübernahme von 1968. Beide Männer ergänzten
sich großartig. Al-Bakr führte die Armee, Saddam Hussein war derjenige, bei
dem fast alle Fäden aus der Partei zusammenliefen.
Wie keine zweiter kannte Saddam Hussein die Stimmungen
und Interessen seines Vorgesetzten. Vermutlich überwachte er dessen Zeitplan
und bestimmte, welche Nachricht der greise Mann wann vorgesetzt bekam.
Dadurch hatte er sich zum unentbehrlichen Partner gemausert.
Die Entscheidung al-Bakr auf Saddam Hussein zu setzen,
sollte später das folgenschwerste Fehlurteil in der politischen Karriere
al-Bakrs sein.
Der Zerfall des System al-Baath begann zu dem
Zeitpunkt als der junge Nachfolger die Regierungsgeschäfte an sich riß. Er
wollte die Macht, aber die ganze, ungeteilte. Was die Baath-Führung an jenem
16. Juli 1979 in einer Art friedlichen Machtwechsel zu beschliessen schien,
ließ nicht erkennen, dass dahinter eine durchdachte Strategie stehe. Schon
bevor al-Bakr einer seiner Visionen, die Arabische Einheit, in greifbare
Nähe rückte, mußte er zurücktreten. Unaufgefordert dürfte er seinen Stuhl
nicht so einfach geräumt haben. In der Tat muten die Umstände seltsam an,
unter denen Saddam Hussein die Macht an sich riß, daß es sich um einen
internen Putsch handelte. Mit al-Bakrs Doppelrücktritt, innerhalb der Partei
und des Staates, begann eine Zeit der Wirren für die Baathpartei, mithin für
das ganze Land. Die Konsequenzen trafen die Partei nur wenig später mit
aller Wucht. Alle, die jene berüchtigte Parteiversammlung vom Sommer 1979
miterleben durften, mußten sich sorgfältig überlegen, wie lange ihre
politische Zukunft an der Spitze einer diktatorischen Führung dauern kann.
Unter den 36 »demokratisch Hingerichteten«, so damals Naem Haddad, ein
KRR-Mitglied, der dies der westlichen Presse ohne Umschweife mitteilte,
befand sich ein persönlicher Freund von Saddam Hussein, Mohi Abdul-Hussein.
Die neue irakische Politik steuerte auf einen neuen
Personenkult hin. So spärlich im Land der Wiege der Zivilisation das
Privatleben der Politiker zuvor verlief, so rasch war der "lückenlose"
Lebenslauf des neuen Präsidenten parat und publik. Zwei Bibliographien kamen
in bester Druckqualität auf den Buchmarkt. Ein neuer "Mythos" sollte geboren
werden. Mit der Zeit gelang es dem Baathisten, sowohl die Baathpartei unter
eine Kuratel zu stellen wie noch keiner zuvor, als auch seine
Machtbefugnisse ins Grenzenlose zu erweitern.
Der 17. Juli 1979 war wohl der irakische Schicksalstag
im vergangenen Jahrhundert. Faktisch war er die logische Vollendung jener
Fehlentscheidung, die sich seit dem November 1969 zwangsläufig entwickelt
hatte, als Saddam Hussein im KRR-einberufen wurde.
Das Land brauchte nicht all zu lange Zeit, um
feststellen zu müssen, wie die Kultur der Gewalt und des Krieges im
politischen Leben Saddam Husseins eine besondere Steigerung erfährt. Die
Unterdrückungspolitik gegen die eigenen oppositionellen Kräfte (gegen die
Kurden seit 1974/75, gegen die Schiiten seit 1977, gegen die Kommunisten
seit 1978) wurde während seiner Amtszeit als Vize-KRR und unter seiner Regie
mit aller Entschiedenheit aufgenommen.
Nun folgte ein kriegerischer Akt nach dem anderen.
Bereits während Saddam Husseins Machtergreifung hatten
sich die Unruhen im östlichen Nachbarland Iran weitgehend verbreitet. Die
Herrschaft des iranischen Kaisers stand auf wackligen Füßen. Der Schah mußte
letztendlich seinem Nachfolger in Teheran seine Stellung überlassen. Die
fortdauernden Instabilitäten im Iran begünstigten die Entfaltung der
irakischen Übermacht erheblich. Es vergingen kaum mehr als 1 Jahr und zwei
Monate da griff Saddam Hussein das Nachbarland überraschend an. Das
"Unrecht" vom 5. März 1975 sollte getilgt werden. Damals machte Saddam
Hussein als Vize des KRR bittere Zugeständnisse an den Iran, als
Gegenleistung für die Einstellung der iranischen Unterstützung an die
aufständischen irakischen Kurden unter der Führung Mullah Mustafa Barzani.
Der Blitzkrieg war aber ein Fiasko ohne seines gleiches. Der Irak, der durch
den Erdölverkauf der siebziger Jahre zu einem der reichsten Länder der Welt
geworden war (mit 36,5 Mrd. USD Währungsreserven an der zweiten Stelle nach
der Bundesrepublik Deutschland mit 52,3 Mrd. USD und vor Frankreich mit 31,0
Mrd. USD), war wenige Jahre später mit über 70 Mrd. USD hochverschuldet.
1988 fand der Krieg fand ein Ende. Das Regime von Saddam Hussein aber
überlebte. Mit der Rückeroberung der südlichen Fronten, setzte die Armee den
Einmarsch der Truppen im kurdischen Norden fort. Der Freiraum für die
kurdische Bevölkerung in Saddam Husseins Reich wurde immer enger, während
die Streitkräfte ihre vermeintliche "Befreiung" bejubelte. Im Frühjahr und
Sommer 1988 war faktisch der ganze Ostfeldzug entschieden. Ein Genozid mit
Giftgas in der kurdischen Kleinstadt Halabja wurde dokumentiert. Saddam
Husseins Bilder und die irakische Flagge, nicht zuletzt in den
zurückeroberten Teilen im Süden gegen den Iran waren zu sehen, sogar im
Hauptquartier der Patriotischen Union Kurdistan (PUK), eine der stärksten
oppositionellen Kräfte der Anti-Saddam-Front im kurdischen Norden neben der
Demokratischen Partei Kurdistan (KDP). Das war das sichtbare Zeichen für die
Niederlage, die Erniedrigung, die die Kurden im allgemeinen erleiden mußten.
Die autoritäre Regierung wurde immer rigoroser. Mit
moderner Technik und zahlreichen Geheimdienstorganisationen machte Saddam
Hussein den Irak zu einer perfektionierten Ein-Mann-Herrschaft. Der
Geheimdienst und der Takriti-Clan erlangte immer mehr eine Schlüsselrolle im
politischen System des Landes.
Trotz der angekündigten Versprechungen mit der
Verfassung von 1990 (zwischen 1958 und 1990 kannte das Land nur eine
provisorische Verfassung) wollte sich die irakische Führung eine
demokratische Kultur nicht zu eigen machen. Der Irak konnte unter Saddam
Hussein keine positive Veränderung vollziehen, eine Negative wohl schon. In
der Hoffnung die leeren Staatskassen zu füllen, warf der Alleinherrscher am
2. August 1990 die Lunte in das Pulverfaß Kuwait und löste somit den zweiten
Golfkrieg aus. Eine weitere Fehlkahlkulation des berüchtigten Diktators, der
dem Land noch mehr Unheil brachte als sein erster Krieg gegen den Iran. Der
Überfall stand in der Kontinuität seiner aggressiven Außenpolitik. Sie war
nackte Aggression. Die leidgeprüfte irakische Bevölkerung wurde aus allen
ihren Friedensträumen gerissen. Die Spuren des Ersten Golfkrieges waren noch
frisch in Erinnerung. Die darauffolgenden Entwicklungen ließen das Land in
eine Krise ungekannten Ausmaß stürzen. Die Niederlage in Kuwait war nicht
die Letzte. Nach der brutalen Niederschlagung des spontanen Volksaufstandes
im Frühjahr 1991 mit Tausenden von Opfern mußten die Iraker gegen die
schweren Folgen des UN-Embargos einen Überlebenskampf führen. Skrupellos
ließ Saddam Hussein das verhängte Embargo zu seinem eigenen Nutzen
mißbrauchen. Die Weltgemeinschaft sollte für das Leiden der Iraker
verantwortlich gemacht werden. Trotz alle dem leistete sich Saddam Hussein
weiter so das Land zu regieren, als sei nichts geschehen.
Nach der Eskalation der Krise Ende 2002 mit den USA
schien der Diktator zwar in mancher Hinsicht kompromißbereit zu sein, was
die Vernichtung von Massenvernichtungswaffen anbetraf, gegenüber seinem
eigenen Volk jedoch blieb er unverändert kompromißlos. Er war entschlossen,
die Zügel der Macht niemals zu lockern, geschweige sie aus der Hand zu
geben. Mit seiner letzten Weigerung das US-Ultimatum vom 18. März 2003 Folge
zu leisten, das Land freiwillig zu verlassen, dokumentierte Saddam Hussein
noch einmal eine weitere Fehlkalkulation in seinem politischen Leben. Drei
Wochen später hatte der Kampf um Bagdad seinen dramatischen Höhepunkt
erreicht und neigte sich Schritt für Schritt dem Ende zu. Am 9. April 2003
besiegelte das live über die Fernsehschirme übertragene Ereignis am
Paradiesplatz das Ende des Saddam-Regimes. Doch anders als Adolf Hitler, der
den Tod wählte, "um der Schande der Absetzung oder der Kapitulation zu
entgehen", verschwand der Despot aus Tikrit spurlos.
Mehrere Male ließ er über Tonbänder von sich hören, um
die unter seiner despotischen Herrschaft jahrzehntelang leidenden Iraker zum
Kampf gegen die Besatzer - oder richtiger gesagt deren Befreier, zu
ermuntern. Zu kämpfen war er jedoch persönlich nicht bereit. Denn "Ein
Schmied, der Zangen hat, wird das glühende Eisen aus den Kohlen nicht mit
seinen Händen herauslangen." Erst recht wenn es um Leben und Tod geht.
Saddam Hussein liebte sein Leben so sehr, dass er es
bevorzugte, zunächst als elender Verlierer auf dem Weg ins politische
Abseits zu steuern.
Die Geschichte ist noch nicht vorüber. Seine Hoffnung
ist groß, auch diesmal zu überleben. Der Mann, der während seiner 24jährigen
Alleinherrschaft die Wirtschaft des Irak wortwörtlich in den Ruin trieb und
hunderttausende Menschenleben zu verantworten hat, wird nicht als ein
verwirrtes Häuflein Elend vor dem Tribunal erscheinen. Obgleich dort
erschütternde Berichte von Augenzeugen und Dokumenten des Verbrechens seiner
menschenverachtenden Politik in erschreckender Deutlichkeit vor Augen
geführt werden, wird Saddam Hussein ein Meisterstück der Agitaion liefern.
Er wird sich als "nichtschuldig" bekennen. Seine (Un)Taten wird er sogar als
heldenhafter Kampf für die Souveränität des Irak aber auch für die ganze
arabisch-islamische Welt ummünzen und verkaufen. Ansätze von Reue wird er
kaum zeigen - Seine kriegerischen Entscheidungen hat er stets freiwillig
getroffen.
Wie auch das Urteil des Gerichts ausfällt, eines steht
schon fest: Bis auf die Nutznieser seines Systems werden die Iraker ihm
keine Träne nachweinen.