Die Kurden - ihre
Geschichte und Kultur
Verehrte Gäste, liebe Freundinnen und Freunde,
dieses Dokument ist ein sehr interessanter und
informativer Vortrag des renommierten Kurdologen Dr. Jemal Nebez, den er am
19. September 1997 in der kurdischen Gemeinde zu Berlin gehalten hat.
Der Vortrag enthält viele Daten und Fakten, nicht nur
über das kurdische Volk, sondern auch über alle Nachbarvölker der Kurden, so
dass er die Jahrtausende Geschichte und Kultur der gesamten Region in
lebendiger Weise wie ein Film vor den Augen Revue passieren lässt.
Die
kurdische Gemeinde zu Berlin veröffentlichte den Beitrag in Form einer
Broschüre wie oben im Bild im Herbst 1997.
Kurdbun präsentiert Ihnen diese Online-Ausgabe davon mit der freundlichen
Genehmigung von Herrn Dr. Jemal Nebez.
A.
Ali
Vorwort von Hassan Mohamed-Ali
Anlässlich der
Einweihung des Gemeinde-Hauses im September 1997 hielt der bekannte
Kurdologe Dr. Jemal Nebez in der Kurdischen Gemeinde zu Berlin diesen viel
beachteten Vortrag Unter der Überschrift "Die Kurden-ihre Geschichte und
Kultur" ab. Die Rede war nicht nur wegen des Inhaltes und Umfanges, sondern
auch aufgrund der präzisen wissenschaftlich belegbaren historischen Daten
von großer Bedeutung. Dabei ist Dr. Nebez auf verschiedene Themen
eingegangen, wie z.B. vorchristliche alte Geschichte und Mythologie der
Kurden, kulturelle Höhen und Tiefen des kurdischen Volkes im Schatten der
zahlreichen Feldzüge fremder Völker durch Kurdistan, Religionsvielfalt mit
besonderer Hervorhebung des Synkretismus als das markanteste Merkmal der
kurdischen Religionskultur und deren Abgrenzung von den Mischreligionen.
In seiner Eigenschaft
als analytisch denkender Wissenschaftler (Physiker) ist der Redner nicht in
der Vergangenheit stecken geblieben und die Rede war zudem auch keine
archäologische Vorstellung, sondern vielmehr eine Art Archigenesis aus
vergangenen Epochen mit fließendem Übergang auf die Gegenwart des kurdischen
Volkes.
Die genannten Aspekte
wurden in geschichtlich chronologischer Reihenfolge geschildert und mit
wissenschaftlich belegten Argumenten untermauert. Mit ziemlicher Sicherheit
kann man sagen, daß diese Ausführungen allen wißbegierigen
Wahrheitssuchenden von Nutzen sein werden, ganz gleich welcher
Volkszugehörigkeit oder welcher politisch-religiöser Weltanschauung sie
auch sein mögen.
Abgesehen davon, daß
der Redner seit nahezu einem halben Jahrhundert intensiv Kurdologie betreibt
und mittlerweile über 100 Monographien und wissenschaftliche Publikationen
in mehreren Sprachen auf verschiedenen Gebieten veröffentlicht hat, gehört
er zu denjenigen Kurden in Deutschland (der traditionellen Heimat der
Kurdologie), die das nach dem zweiten Weltkrieg verschwundene Interesse an
der Kurdologie wiedererweckten. Dabei war er maßgeblich an der Entstehung
der Abteilung "Kurdologie" im Institut für Iranische Philologie an der
FU/Berlin beteiligt und diente dort als Forscher und akademischer Lehrer 12
Jahre lang.
Durch die
jahrzehntelangen mühsamen Recherchen und sorgfältigen Analysen der von den
Unterdrückern des kurdischen Volkes verstellten geschichtlichen Dokumente,
konnte Dr. Nebez viele verborgene Fakten wieder ans Tageslicht bringen und
somit einen wichtigen Beitrag zur Richtigstellung der Kulturgeschichte des
kurdischen Volkes leisten. Bereits in den fünfziger Jahren trat Dr. Nebez
durch seine häufig falsch verstandene mutige Vorstellung von der kurdischen
Nation und Nationalfrage in Erscheinung und stellt seitdem ein
kompromißloses Bild kurdischer Denker nicht auf, sondern dar. Er gibt einen
Begriff von Kurdentum bzw. kurdischer Nation, neben dem alles, was sonst
darüber gesagt wurde und wird, zu bloßer Banalität herabsinkt. Der Kern
seiner Philosophie, eine Art kurdische Magna Charta, ist die nationale
Denkweise, sie ist die Grundlage des Kurdentums auf Basis der Symbiose mit
den benachbarten Völkern. Was Dante über Zarathustra gesagt hat "sein Wort
ist Stein, sein Werk ein Bau" könnte somit für Nebez auch zutreffen.
In seiner Rede bietet
Dr. Nebez eine präzise etymologische und ethnographische Analyse der stillen
Zeugen der kurdischen Geschichte "Worte, Begriffe, Gegenstände und sonstige
Erscheinungsformen des damaligen gesellschaftlichen Lebens", die seit
Jahrhunderten von Besatzern Kurdistans als nicht kurdisch bezeichnet und von
Kurden ahnungs- und kritiklos hingenommen werden.
Dies zeugt davon, daß
Dr. Nebez nicht einen konventionellen Geschichtsschreiber darstellt, sondern
vielmehr selbst ein geschichtlicher Begriff geworden ist, der zudem
kulturkritische und gesellschaftsphilosophische Prinzipien verkörpert.
Neben der Überzeugung
vom Recht des kurdischen Volkes auf vereinte eigene Heimat, die nicht der
Bewilligung anderer Mächte bedarf, sondern eine Selbstverständlichkeit
darstellt, sind es vor allem zwei Begriffe, die wesentlich zu Nebez gehören:
ewiges Suchen nach geschichtlichen Beweisen und kompromißlose Artikulation
der Tatsachen, wie es hier in seinem Vortrag allzu deutlich zum Ausdruck
kommt.
Priv.
Doz. Dr. Med. H. Mohamed-Ali
Vorsitzender der
kurdischen Gemeinde zu Berlin e.V
Sehr
verehrte Gäste, liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer,
ich grüße Sie sehr
herzlich und heiße Sie alle willkommen. Unser Thema ist die Geschichte
und Kultur der Kurden. Dazu möchte ich vorab sagen, daß die
Kurden nicht nur eine sehr lange Geschichte haben, sondern sie haben auch
eine sehr bewegte und komplizierte Geschichte und eine entsprechend reiche
Kultur. Deshalb bitte ich um Ihr Verständnis, daß ich in dieser Stunde kaum
mehr als einen sehr kurzen Umriß vermitteln kann.
Die Kurden zählen
heute etwa 40 Millionen. Ihr Heimatland heißt Kurdistan, was
wiederum „Land der Kurden" bedeutet. Kurdistan ist keine
Bezeichnung für ein Staatswesen, sondern eine Landschaft, die in diesem
Jahrhundert zunächst auf fünf Staaten (Türkei, Iran, Irak, Syrien,
Sowjetunion) zwangsweise aufgeteilt wurde. Nach der Auflösung der
Sowjetunion Anfang der 90er Jahre, wurde der sowjetische Teil Kurdistans
(das „rote Kurdistan") von Azarbaidschan und Armenien
einverleibt. Die Kurden sind heute das größte staatenlose Territorialvolk
der Welt.
Kurdistan erstreckt
sich vom Kaukasus bis zum Mittelmeer, und von dort bis zum Golf.
Ein Teil davon liegt in Mesopotamien, und Mesopotamien wird
bekanntermaßen auch als „Wiege der Menschheit" betrachtet. In diesem
Lande gab es schon vor Jahrtausenden Hochkulturen wie den Sonnenkult
oder Mithraismus. Es gab Buddhismus. Es gab Mazdaismus,
also die Religion von Zarathustra, die sich dem Verhältnis zwischen
Gut und Böse als Dualismus der Natur des Lebens
widmete. Es gab dort auch die Religion von Mani, den Manichäismus,
der den Dualismus der Natur mit der Existenz von Licht und
Finsternis ins Symbolische übertrug. Es gab in Kurdistan darüber hinaus
(und bis heute noch) das Judentum, dann das Christentum, und
schließlich auch den Islam. Seit dem vorigen Jahrhundert gibt es auch
manche Kurden, die sich zur Bahai-Religion bekennen. Der Ursprung dieser
Religion geht auf den Babismus zurück, der von dem
persisch-schiitischen Geistlichen Ali Mohammadi Schirazi (1819-1850)
gestiftet wurde. Schirazi trug den Beinamen Bab, der Bezug nimmt auf das
arabische Wort für Tür (Bab) und auf den Umstand, daß sich Schirazi als „Tür
zwischen Gott und den Menschen" verstand. Der Babismus wurde
später von Bahaollah (1817-1892) zur Bahai-Religion
entwickelt. Weltfrieden und Distanz zur Politik sind die Grundpfeiler dieser
in der islamischen Welt bekämpften Religion.
Soweit zu den
Religionen. Was die Völker angeht, die in der „Wiege der Menschheit"
gelebt haben, in der Geschichte werden nicht minder viele erwähnt, darunter
Ilamen, Hethiter, Churriten, Meder, Mitanis,
Karduchen, Kordoinen, Sassaniden, Assyrer,
Griechen, die entweder in diesem Land lebten oder in dieses Land
einfielen. Die Kurden, die uralte Bewohner dieses Gebietes sind, haben sich
Anteile der Kulturen dieser Völker zueigen gemacht, worauf der Reichtum
ihrer Kultur im wesentlichen gründet, wie im folgenden deutlich werden wird.
Wir können die
Geschichte Kurdistans - grob gesagt - in zwei Perioden aufteilen, in die
vorislamische und in die nachislamische Zeit. Man kann natürlich
auch Unterteilungen vornehmen, die ich aber hier weder für nötig noch für
relevant erachte. Die Ankunft des Islam in Kurdistan und im Iran im 7.
Jahrhundert nach Christus war ein so weltbewegendes Ereignis, daß
diesen Einschnitt so entschieden und ausschließlich zu setzen, dem
Sachverhalt durchaus angemessen ist. In der nachislamischen Zeit - genauer 6
Jahrhunderte nach der Ankunft des Islam - gab es dann noch ein weiteres
wichtiges Ereignis, nämlich die mongolo-türkische Invasion, und zwar
durch Kurdistan und bis nach Bagdad. Auch das war ein
bemerkenswerter Einschnitt, der die Geschichte der Kurden im Mittelalter -
genauer im 13. Jahrhundert - stark geprägt hat, der allerdings kulturell im
Rahmen blieb. Die mongolo-türkischen Invasoren übernahmen nämlich den Islam
en bloc, und auch das Arabische und das Persische als
religiöse und herrscherliche Kommunikationsmittel. Auch in Hinblick auf die
mongolo-türkische Invasion bleibt die Einschätzung angebracht, daß die
Geschichte der Kurden auf allen Ebenen in zwei Abschnitte zerfällt, in die
Zeit vor der Ankunft des Islam und in die Zeit danach.
In der
vorislamischen Zeit gab es die schon erwähnte Vielfalt von
religiösen Vorstellungen, von Mithraismus oder Sonnenkult,
über Buddhismus, Mazdaismus und Manichäismus bis zum
Judentum und Christentum, wobei dem Mazdaismus und Manichäismus
zur Zeit der Ankunft des Islam das meiste Gewicht zukam.
Mithraismus
gab es in der Frühzeit der Menschheit auf der ganzen Welt, und Relikte
dieser Sonnenkult-Tradition finden sich entsprechend ebenso überall. Wenn
die Menschen zu Gott bitten, ihnen einen Wunsch zu erfüllen, richten sie
ihren Kopf unwillkürlich in die Richtung des Himmels, wo die Sonne
sich befindet. Das ist überall auf der Welt so. Bei den Kurden sind diese an
den Mithraismus anknüpfenden Relikte zweifellos sehr deutlich. Die
Kurdische Fahne, die 1946 bei der Errichtung der Republik Kurdistan in
deren Hauptstadt Mehabad zur offiziellen Fahne von Kurdistan wurde,
trägt die Sonne in ihrer Mitte, um ein zeitgenössisches
Beispiel zu geben, wie bedeutsam den Kurden die Sonne ist. Erwähnenswert
ist, daß die Farben Rot/Gelb/Grün gemeinsam die nationalen Farben der
Kurden darstellen.
Zweifellos ist es so,
daß Sonne, Mond und Sterne einen besonderen Stellenwert
in der kurdischen Mythologie haben, was ich aufgrund einer
jahrelangen wissenschaftlichen Beschäftigung mit der kurdischen Mythologie
sagen kann. In diesem Zusammenhang steht, daß die Kurden sich schon früh mit
Astronomie sowie Mathematik und Naturwissenschaften befaßt
haben.
Es gab in Kurdistan
mehrere Mond- und Sternobservatorien. Das bekannteste befand sich auf dem
Berg Gilazarda in der Nähe von Sileymani. Interessenten
können den Artikel lesen, den ich gemeinsam mit dem bekannten deutschen
Astronomen Professor Wolfhard Schlosser über dieses Observatorium in der
Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (Nr.122 des Jahres
1972) geschrieben habe.
Mazdaismus und
Buddhismus sind etwa zur gleichen Zeit entstanden, nämlich 6 Jahrhunderte
vor Christi Geburt. Da
Zarathustra Iraner war (wenn nicht sogar Kurde), hat der
Mazdaismus in Kurdistan eine beachtliche Verbreitungschance gehabt, wovon
viele Tempel und Denkmäler in zahlreichen Orten Kurdistans (ganz besonders
in der Region Kirmaschan in Ostkurdistan) bis heute zeugen.
Die Religion von
Zarathustra gründet auf einer Trinität, und zwar „Denke gut,
sprich gut und handle gut". Damit ein Mensch fähig ist, sich diese
Trinität anzueignen, muß dieser Mensch sich von „Lug und Trug"
trennen. Nach der Vorstellung von Zarathustra gibt es zwei Kräfte in
der Welt, die Kraft des Guten und die Kraft des Bösen, und es
gibt immer Streit zwischen den beiden, wobei nicht klar ist, welche Kraft
siegen wird. Wenn die Menschen sich auf die Seite des Wesens des Guten
stellen, oder auf die Seite der „Armee des Guten", wird das Gute
erfolgreich sein. Das Gegenteil wird der Fall sein, wenn die Menschen sich
auf die Seite des Bösen stellen, dann wird die Kraft des Bösen
erfolgreich sein. Dieser kurdo-iranische Dualismus ist anders als der
semitische Dualismus. In den semitischen Religionen, also im
Christentum, Judentum und Islam, hat Gott selbst den Teufel
(die Kraft des Bösen) geschaffen, und Gott (oder das Gute)
wird am Ende immer obsiegen. Bei Zarathustra ist es nicht so. Es
kommt darauf an, wie die Menschen sich verhalten. Wenn die Menschen sich auf
die Seite des Guten stellen, wird Gott (Ahura-Mazda, oder Hurmiz
bei den Kurden) obsiegen. Das Gegenteil wird geschehen, wenn die Menschen in
die Richtung des Bösen gehen, dann wird der Gott des Bösen (Ahriman,
oder Harmin bei den Kurden) herrschen.
Die buddhistische
Religion entstand im 6. Jahrhundert v.Chr. in Asien und verbreitete sich
schnell, auch nach Kurdistan. Der Religionsstifter Sadr Harta, mit
dem Beinamen „Buddha" (560-480 vor Christus) war in einer Stadt in
der Nähe von Nepal in einer sehr wohlhabenden und einflußreichen Familie
aufgewachsen. Schon früh verließ er seine Familie, verzichtete auf Reichtum
und Macht. Er rief auf zur Entsagung von der Welt, einschließlich
Vermeidung von Alkohol, schmackhaftem Essen und Unzucht. Er
propagierte die Liebe zu allen Lebewesen. Er verbot es,
irgendwelche Tiere oder Vögel zu töten. Zu bemerken ist hier,
daß die Kurden bis zum heutigen Tag Vögel nicht als Tiere betrachten.
Meiner Meinung nach hat das einen archaischen religiösen Zusammenhang. In
der kurdischen Mythologie wird das höchste Wesen am Anfang der Schöpfung in
der Gestalt eines Vogels dargestellt, und der Vogel als Symbol für das
Nichtirdische ist auf vielfache Weise bis heute in der kurdischen Kultur
verankert.
Buddha verbot also die
Tötung irgendeines Lebewesens, einschließlich der Tiere und Vögel, und -
beeinflußt vom Zoroasthrismus bzw. Mazdaismus - empfahl den
Menschen, von Lügen unbedingt Abstand zu nehmen und aufrichtig zu
sein. Auch Diebstahl gehörte bei ihm zu den großen Sünden. Beeinflußt
vom Hinduismus glaubte Buddha an die Seelenwanderung. Die
Vorstellung der Buddhisten, daß Buddha „Sohn Gottes" sei und
er auf eine Art geboren sei, wie Jesus Christus durch Maria,
nämlich vollkommen rein, zeigt den Einfluß des Buddhismus auf die später
entstandene christliche Religion, aber auch auf manche
kurdisch-synkretistische Religionen, wie z. B. Ahl-i Haqq,
wie ich an einem konkreten Beispiel aufzeigen werde.
Zarathustra
lebte 6 Jahrhunderte vor Christi Geburt. Der Mazdaismus war also
schon eine ziemlich alte Religion, als der Prophet Mani von sich
reden machte und der Manichäismus sich entwickelte. Mani war
anfänglich Christ, hatte dann religiöse Eingebungen und erklärte sich
im Jahre 242 n. Chr. zum Propheten. Anders als Zarathustra und der
Mazdaismus sprach Mani nicht von Gut und Böse, sondern von
Licht und Finsternis. Licht ist die Seele, und sie ist
rein. Finsternis ist Materie, und
sie ist schmutzig. Wenn ein
Lebewesen stirbt, wird dessen Seele nach oben in den Himmel gehen, und die
Materie - da sie schlecht ist - in die Erde gehen. Im Wesen jedes
Menschen gibt es zweierlei, das Reine und das Schmutzige.
Damit die Menschen sich reinigen, müssen sie sterben, und wenn die Menschen
nach und nach sterben, dann wird es - nach einer bestimmten Periode -
niemanden mehr auf dieser Welt geben, dann werden alle Menschen in den
reinen Zustand gekommen sein, werden ihre Seelen rein sein, und deshalb
hat Mani sich gegen das Heiraten ausgesprochen, und dagegen, daß Kinder
in die Welt kommen, damit die Menschheit zu Ende geht, und auf diese
Art und Weise sich die Menschheit reinigt.
Während Mani
seine Religion in Kurdistan zu verbreiten versuchte, gab es auch in
Kurdistan bereits das Christentum. Mani lebte im 3. Jahrhundert nach
Christus. Zu seiner Zeit war das Christentum in Kurdistan keine neue
Religion. Daß es Kurden gab zu jener Zeit, die Christen waren, das
bestätigen die altaramäischen Quellen, darunter die Memoiren
des Mar Mari, der ein Mönch in Urfa war und 226 n. Chr.
starb. Seine Memoiren sind in der 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts sogar
zum Teil in die deutsche Sprache übersetzt worden.
Das Judentum gab es auch in dem Sinne, daß Juden als Vertriebene nach
Kurdistan kamen; die historischen Dokumente, darunter das Alte Testament,
sprechen in dem Zusammenhang vom Land der Meder. Da die Meder als die
Vorfahren der Kurden gelten, kann das Lob, das im Alten Testament an die
Adresse der Meder geht, auch für die Kurden gelten. Interessant ist, daß es
über die Herkunft der Kurden zahlreiche Hypothesen gibt. Sie reichen von
mythischen Vorstellungen (die Kurden seien aus der Verbindung zwischen
Geistern und den Dienerinnen von König Salomon hervorgegangen) bis zu
verschiedenen politisch gebundenen Meinungen (Kurden seien
arabischer oder türkischer Abstammung). Wenn man sich mit der
Genealogie eines Volkes beschäftigt und das ernsthaft betreiben will,
muß man sich mit seiner Sprache, Geschichte und nicht zuletzt
mit den archäologischen Schätzen seines Siedlungsgebietes befassen.
Die stärkste Hypothese zur Herkunft ist die, welche die Kurden auf die
Meder zurückführt. Der hervorragendste Anhänger dieser Theorie war der
international renommierte russische Orientalist und Kurdologe Vladimir
Minorsky (1877-1966). Dafür sprechen meine sprachwissenschaftlichen
Forschungen, die ich in den 70er Jahren auf kurdisch und deutsch
veröffentlicht habe, aber auch verschiedene alte Ortsnamen in Kurdistan, die
auf eine medische Herkunft hinweisen, wie z.B. Amed (der alte Name
der Stadt Diyarbekir), Amedi, Amoude, wobei sich A auf Ava,
Avah(y)i (Ort, Haus, Siedlungsgebiet) bezieht. Und wenn die
Kurden nicht die Nachfahren der Meder sind und stattdessen von den alten
Churritern stammen (wie einige Wissenschaftler meinen, darunter Egon
von Eickstedt und Mehrdad Izaby), dann haben sie immerhin mit den
Juden zusammen im Reich der Meder in Kurdistan gelebt, als die Juden in dem
Gebiet Schutz gesucht haben, das - seitdem die Meder „verschollen" sind -
Kurdistan genannt wird. Und nicht nur im Altertum lebten Juden in dem
Gebiet. Es gibt auch heute noch Hunderttausende Juden in Kurdistan und
kurdische Juden in Israel, also Menschen jüdischen Glaubens, die
sich - hinsichtlich ihrer Kultur und aufgrund ihres
Zusammengehörigkeitsgefühls - mit den Kurden identifizieren.
Sehr verehrte
Gäste, liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer,
als der Islam im 7.
Jahrhundert n. Chr. nach Kurdistan kam, traf er in Kurdistan ein über
Jahrhunderte gewachsenes Nebeneinander von Religionen an, wobei die
unterscheidbare Anzahl über die hinausging, die bisher genannt wurden, weil
die kurdischen synkretistischen Religionen bisher noch nicht genannt
sind. Das sind Religionen, die sehr alte mythische Vorstellungen beinhalten
und dazu Elemente der genannten Religionen enthalten, zu unterschiedlichen
Anteilen, auf unterschiedliche Weise miteinander verbunden. Diese kurdischen
synkretistischen Religionen sind untereinander - was ihre Inhalte und
Riten betrifft - durchaus unterschiedlich. Was sie miteinander
gemeinsam haben, sind manche sehr alte Inhalte und die Art und Weise, wie
übernommene Inhalte auf originelle Weise zwar logisch miteinander verknüpft,
aber nicht verschmolzen werden. Eben um diese Besonderheit geht es, wenn von
Synkretismus die Rede ist. Von Mischreligionen ist in dem
Zusammenhang nicht zu sprechen, weil im Fall einer Mischreligion die
Elemente viel mehr ineinander übergehen, so daß man viel weniger in der Lage
ist, die Elemente als solche noch zu erkennen. Ich kann ein Beispiel geben,
wir haben hier auf dem Tisch einen Strauß von Blumen. Jeder sieht
sie, dies ist eine gelbe Blüte, das ist eine rote, diese hier ist weiß, und
das ist das Blattgrün. Alle haben ihre Besonderheit, und alle
zusammen bilden den Strauß. Der Strauß ist das synkretistisch Neue.
Wenn jemand die Blüten zerrupfte und die Stiele und Blätter von einander
trennte und diese Bestandteile zusammenhäufte, entsteht auch etwas Neues,
nämlich eine Mischung. Der Grad der Mischung kann unterschiedlich sein, und
man wird manche ursprüngliche Bestandteile erkennen können, sonst könnte man
ja nicht von einer Mischung sprechen. Doch ist der Unterschied zwischen dem,
was Synkretismus ist, und dem, was eine Mischreligion ist, ein
grundsätzlicher und wesentlicher.
Im Synkretismus
bleibt die Vielfalt bestehen und es wird trotzdem etwas Neues daraus. Die
Mischreligion mindert die
Vielfalt um das Neue, das durch sie entsteht. Das Merkmal der
kurdischen Religionen ist, daß sie synkretistisch sind, und das ist ein
Grund, weshalb die kurdische Kultur so reich ist, man könnte auch sagen,
weshalb die kurdische Kultur eine pluralistische Kultur ist.
Zweifellos hat der
Islam, als er im 7. Jahrhundert n. Chr. nach Kurdistan kam, auch die
dort existierenden kurdischen synkretistischen Religionen geprägt und
um Elemente bereichert, in unterschiedlicher Weise. Ich führe einige
Beispiele an. Die Yeziden (Ezidi) z. B. werden von
Außenstehenden oft als „Teufelsanbeter" bezeichnet. Aber das ist nur
eine böswillige Abwertung. Es handelt sich tatsächlich um eine
synkretistische Religionsgemeinschaft, die manche Elemente des
Mithraismus und Manichäismus bewahrt. Wenn Yeziden
z. B. beten, ihren
Gottesdienst verrichten, wenden sie sich in die Richtung der Sonne.
Das ist eine mithraistische Tradition. Was das Wesen des Menschen angeht,
sagen sie, daß jeder Mensch „sein eigener dunkler Schatten (Teufel)"
sei, was dem Manichäismus entspricht, daß einem Lebewesen neben der
lichten reinen Seele (das Gute) immer auch schmutzige
Materie (das Böse) anhafte. Wenn die Yeziden Karfreitag
feiern, was sie tun (und wenn sie Jesus Christus verehren, was sie
auch tun), führen sie - für den Religionswissenschaftler erkennbar - eine
christliche Tradition fort.
Wenn die Yeziden wie
die kurdischen Derwische organisiert sind und ihre bekannten Trance-Tänze
durchführen, ist das ein kurdisch-islamischer Kult. Es ist schon viel
Diskreditierendes über die Kurden und ihre Kultur geäußert und mangels
besseren Wissens kolportiert worden. In dem Maße, wie der Reichtum der von
den Kurden gepflegten Kultur voll zutage tritt, wird das eigentliche Ausmaß
der Diskreditierung klar.
Die Aleviten
werden z. B. als Anhänger von Ali bezeichnet, der ein muslimischer
Kalif war, was eine falsche Interpretation ist. Nach einer ähnlichen Logik
sind die Yeziden zu Anhängern von Yazid geworden, der ein Sohn
des muslimischen Kalifen Muawiyah war. Das ist reine
Volksetymologie, die auf lautlicher Ähnlichkeit beruht. Nach der
gleichen Logik meinen manche Araber, daß „Shakespeare" unter
Umständen ursprünglich ein Araber gewesen sei und „Schaich Zubair"
hieß.
Die Yeziden nennen
sich im übrigen Ezidi (und nicht Yazidi), und das sollte man
ernst nehmen. „Ezd" bedeutet im Kurdischen „Gott" (oder auch Engel)
und „Ezdi" entsprechend Gottesanbeter (und eben nicht „Teufelsanbeter").
In meinem Vortrag „Die Ezidis sind keine Teufelsanbeter", den ich im
Mai 1990 an der Hochschule Bremen gehalten habe, bin ich ausführlich
darauf eingegangen und habe erklärt, wie die lautliche Ähnlichkeit zwischen
dem kurdischen Terminus „Scha-tan" und dem ursprünglich semitischen
Wort „Schaitan" (vom Hebräischen „Satan") zu der
folgenschweren Verwechslung geführt hat. Das kurdische „Scha-tan"
bedeutet nämlich „Engel-leibig" oder „mit dem Körper eines Engels"
und hat nichts mit dem Teufel zu tun. Eine andere Unklarheit hat es lange
Zeit in bezug auf den großen Heiligen der Yeziden namens „Taus-e
Malak" gegeben, nämlich als man „Taus" (das kurdische Wort für
den Vogel Pfau) wörtlich als „Vogel Pfau" verstanden hat. Sehr
wahrscheinlich kommt das Wort Taus aus dem Griechischen, und hat die
an die Worte „Zeus" und „Theos" anknüpfende Bedeutung „Gott".
Demnach ist Taus-e Malak der Engel (oder Gesandte)
Gottes. Und eben so sehen die Yeziden selbst ihren Taus-e Malak.
Wie die Yeziden auf
die von außen an ihren Glauben herangetragenen Verdrehungen reagiert haben,
wie sie damit fertig wurden, sie ihrerseits wieder interpretierten, das
können wir jetzt leider nicht weiter betrachten, müssen es mit diesem Blick
auf den Reichtum der kurdischen Kultur, die einem Teppich gleich an dieser
Stelle vor uns liegt, bewenden lassen, allerdings nicht ohne auf die
ähnliche Situation der Aleviten verwiesen zu haben. Aus z. T. totaler
Unwissenheit - selbst im Rahmen orientalistischer Wissenschaft - oder aus
politisch zweckgebundenen Motivationen wurden und werden die Aleviten
einmal mit Ali, dem vierten islamischen Kalifen, und ein anderes Mal
mit den „Pseudomuslimen" und ein noch anderes Mal mit der
rassistischen Ideologie von Mustafa Kemal („Atatürk") in
Zusammenhang gebracht. Ich habe eine „Arbeit" darüber gesehen, die aus dem
Ethnologischen Institut der FU- Berlin stammt. Arme Wissenschaft! Es ist
erstaunlich, daß das Niveau der Kurdologie in Deutschland, das das
Heimatland der Kurdologie bis zum zweiten Weltkrieg war, so gesunken
sein kann, daß im Rahmen dieser Fachrichtung solche Pseudo-Wissenschaft
möglich ist. Manche an deutschen Universitäten abgelegte Magister- und
Doktorarbeiten sind so tendenziös, daß man beim Lesen der
Arbeiten weiß, wo bzw. in welchen organisatorischen Zusammenhängen die
Verfasser anschließend Ämter und Posten bekleiden, meistens im
Deutschen Orient-Institut in Hamburg.
Wer den Glauben der
Aleviten ernsthaft verstehen will, muß dessen Inhalte in Zusammenhang mit
den anderen synkretistischen Religionsgemeinschaften Kurdistans setzen.
Alevi hat mit Ali so wenig zu tun wie die Ezidi (Yezidi) mit Yazid.
Die Bezeichnung Alevi ist meinen Forschungen zufolge ein Hinweis auf
die Kraft des Feuers (das bei den Kurden ein Symbol des
Lichtes ist). Das kurdische Wort „halav/hilav" mit der
Bedeutung „Dampf des kochenden Wassers/Flammenspitzen des Feuers", was im
Türkischen als Lehnwort „Alev" mit derselben Bedeutung übernommen worden
ist, kommt als ursprüngliches Bezugswort eher in Frage, denn die Aleviten
betrachten das Feuer als heilig, wie auch die Kurden im allgemeinen
dem Feuer eine gewisse Verehrung entgegenbringen. Es ist eine unter den
Kurden weit verbreitete Sitte, kein Feuer und keine Kerze zu löschen, ohne
den Namen Gottes zu nennen bzw. sich zu entschuldigen.
In bezug auf die
Ahli-Haqq (Leute der Wahrheit), die auch Kakayi oder Yarsan
genannt werden, gibt es ähnliche Verwechslungen und Mißverständnisse. Man
behauptet, daß sie „Aliollahi" (Ali-Anbeter) seien, und damit werden
sie als Pseudomuslime eingestuft. Tatsache ist, daß der Gott der
Ahli-Haqq nicht Ali, sondern Sultan Sahak ist. Er soll von
einer Kurdin geboren sein, die wie Maria eine unbefleckte
Empfängnis hatte, indem ihr, die unter einem Granatapfelbaum schlief,
ein Kern der Frucht in den Mund fiel, weil ein Vogel die Frucht
direkt über ihr angepickt hatte und sich der Kern dabei löste.
Auf vielerlei Art und
Weise können wir sehen, daß diese Religionsgemeinschaften, die wir
heutzutage in Kurdistan antreffen - die Ezidis, die Aleviten,
Schabak, Haqqa, die Ahli-Haqq bzw. Kakayi oder
Yarsan, daß sie alle verschiedene Elemente miteinander verbunden und
neue Glaubensrichtungen begründet haben, und wir sehen auch verschiedene
grundlegende Gemeinsamkeiten unter diesen Religionen. Sie alle betrachten
Gott als den Schöpfer, der als einzelner und allgegenwärtig
herrscht, also monotheistisch und omnipräsent ist. Gleichwohl
herrscht dieser Gott nicht direkt, sondern über seine Gehilfen,
von denen es sieben gibt und die jeweils für eine andere Region oder ein
anderes Ressort zuständig sind. Ein Obergehilfe oder Oberengel führt
die Schar der Gehilfen oder Engel an, unter denen sich auch ein
weiblicher Engel befindet. Bei allen diesen Religionen wird die
Existenz eines Teufels verneint und der Mensch selbst als sein „eigener
Teufel" angesehen.
Darüber hinaus gehört
die buddhistische Seelenwanderung zu den Kernvorstellungen der
kurdischen synkretistischen Religionen, insofern als das göttliche Wesen von
Zeit zu Zeit durch die Inkarnation seiner Seele in Erscheinung tritt.
Sämtliche mythischen Vorstellungen dieser Religionen sind mit bestimmten
Orten in Kurdistan verbunden. Last not least: Gesang und Musik
gehören bei allen diesen Religionen zu den Kulthandlungen. Sie haben einen
Platz in allen ihren religiösen Veranstaltungen, an denen sowohl Frauen als
auch Männer teilnehmen. Seitens Andersgläubiger, insbesondere seitens
orientalischer Christen und Muslime, sind diese religiösen
Veranstaltungen, eben weil beide Geschlechter daran teilnehmen,
schon als „orgiastische Treffen" diskreditiert worden.
Ferner, im Vergleich
mit dem Islam, der sehr viel Wert auf das Beten und Fasten legt, ist
festzustellen, daß bei allen kurdischen synkretistischen Religionen die
zwischenmenschlichen Beziehungen, der Dienst am Mitmenschen, einen
größeren Stellenwert haben als das Beten oder Fasten.
Das allen
kurdischen synkretistischen Religionen Gemeinsame ist gewissermaßen der Kern
der kurdischen Kultur, die im
siebten Jahrhundert dem Islam begegnete. Es ist natürlich so, daß der
Islam mit dem Schwert kam und durch Kampf. Zu jener Zeit
im 7. Jahrhundert war Kurdistan ein Teil des Sassanidischen Reiches,
das in jener Zeit ein mächtiges Reich war, mit einem ganz großen Gebiet im
Vorderen Orient, und das dem Römischen Reich dort gegenüberstand. Als
die Araber aus der Wüste kamen, kamen sie nur mit dem Schwert,
sie hatten keine andere Waffe. Die Sassanidische Armee war mit
Pfeil und Bogen ausgerüstet, und trotzdem konnte sie diese Araber, die
zahlenmäßig gering waren und die sich auf fremdem Boden befanden, nicht
zurückschlagen. Die Araber konnten dieses große Reich, das man für die
damaligen Verhältnisse auch „Weltreich" nennen könnte, stürzen. Sie
konnten die Hauptstadt des Sassaniden-Reiches Tisafoun (in der Nähe
von Bagdad) besetzen und waren damit bis nach Kurdistan
eingedrungen. Bis heute liegt die Grenze Kurdistans in der Nähe von
Bagdad. Bagdad ist im übrigen kein arabisches, sondern ein
kurdo-iranisches Wort. Die heute gebräuchliche Bezeichnung Bagdad ist
aus „Bagadata" entstanden, was „die von Gott gegebene" (Stadt)
bedeutet. „Bag" hat die Bedeutung von Gott, wie es sich im
Russischen, das auch eine indoeuropäische Sprache ist, erhalten hat. Die
Türken haben das Wort auch in ihre Sprache übernommen, dabei zu „Bey"
gemacht mit der Bedeutung „Herr" oder „Hochstehender". Wenn
sich die ersten beiden Silben von „Bagadata" auf Gott/Herr
beziehen, dann bezieht sich die dritte auf die kurdo-iranische Wurzel „dan",
mit der Bedeutung „geben/Gabe", was Bagdad zu einem von Gott
gegebenen Platz macht, vereinfacht gesagt.
Als die Araber nach
Kurdistan und in den Iran kamen, war ihr erstes Ziel, den Islam zu
verbreiten. Sie waren erfolgreich dabei, obwohl ihre Bewaffnung sehr schwach
war. Bis heute ist das Geheimnis ihres Erfolges nicht ergründet. Eine
einleuchtende Klärung dieser Frage würde sowohl der islamischen Geschichte
als auch der orientalischen Geschichte dienen. Es gibt natürlich zahlreiche,
mehr oder weniger maßgebliche Meinungen dazu, wie die Araber es schaffen
konnten, eine ganze Armee zu besiegen, doch bis jetzt gibt es keine wirklich
plausible Erklärung. Auf jeden Fall hatte das Konsequenzen, nämlich die
Verbreitung der islamischen Religion. Heute gibt es 1,2 Milliarden
Muslime in der Welt.
Sehr verehrte Gäste,
liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer,
gegen das Eindringen
der Muslime in Kurdistan haben die Kurden Widerstand geleistet, und sie
haben Widerstand gegen die neue Religion geleistet, die an einen
Herrschaftsanspruch gekoppelt auftrat und sich auch auf das
gesellschaftliche Leben auswirkte. Die größte kurdische Revolution
entflammte 20 Jahre lang unter Führung von Papak-i Khorram(din)i, und
zwar in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts n. Chr. Zu den Zielen dieser
Revolution gehörte die Errichtung einer klassenlosen Gesellschaft, in der
die Frauen dieselben Rechte wie die Männer haben sollten. Die Kurden nahmen
auch teil an den Revolutionen anderer unterdrückter Völker in der Region.
So haben sie z. B. die
Revolution der Sklaven (bekannt unter dem Namen „Neger-Revolution“)
im südlichen Teil des Irak militärisch unterstützt. Das Ziel dieser
Revolution war die Gleichberechtigung der Neger. Sie dauerte von 868 bis 883
n. Chr. Der Widerstand der Kurden gegen die arabo-islamische Macht dauerte
Jahrhunderte lang.
Die Kurden wollten
bei den alten Religionen und bei ihren synkretistischen Religionen
bleiben. Was die alten Religionen
angeht, hatte die Mehrzahl der Kurden der zoroasthrischen Religion angehört.
Ich habe über die zoroasthrische Religion gesprochen, über Gut und Böse
und die Trinität von „Denke gut, sprich gut, handle gut".
Auf jeden Fall wollten die Kurden in den städtischen Zentren, daß die
zoroasthrische Religion weiter bestünde. Dazu muß man wissen, daß die
zoroasthrische Religion es forderte, das Nomadentum aufzugeben. Als
die Religion von Zarathustra sich in Kurdistan verbreitete, war ihre erste
Wirkung, daß ein bedeutender Teil der Kurden das nomadische Leben
aufgab, und sich landwirtschaftlichen Aktivitäten widmete, und damit
sind zwei Lebensweisen in Kurdistan entstanden, einmal „Kurd", d. h.
jemand, der Waffen in der Hand hat und der in einem bestimmten Gebiet
versucht, von der Jagd zu leben, als Halbnomaden, heute hier, morgen
woanders, aber natürlich nur im Rahmen des Landes Kurdistan, und dann „Goran",
d. h. jemand der ansässig ist, der zivilisiert ist, und
versucht, sich geistig und wissenschaftlich zu beschäftigen. Sehr
wahrscheinlich gibt das Wort Goran einen Hinweis auf „Gawr-an",
was eine Bezeichnung für die Anhänger von Zarathustra ist.
Wir sehen in
Kurdistan, daß die Goranen immer Menschen gewesen sind, die sich mit
Philosophie, mit Literatur und mit der Bereicherung der
kurdischen Kultur - jetzt im Sinne von „Buchkultur'' oder im Sinne „feinerer
Lebensart" - beschäftigt haben. Diese Tradition ist bis heute bei den
Kurden lebendig. Wir sehen auch heutzutage in Ostkurdistan, das zum Teil vom
Iran annektiert ist, Goran-Kurden, die sich zur Religion von „Ahli-Haqq"
bekennen, also „Leute Gottes" sind. Anhänger eben dieser
Ahli-Haqq-Religion haben bereits im 12. Jahrhundert versucht, in der eigenen
Sprache zu schreiben, d.i. in ihrem „Gorani" genannten kurdischen
Dialekt. Danach haben auch andere kurdische Religionsgemeinschaften, sogar
auch die Kurden, die Muslime geworden waren, sehr aktiv an den religiösen
Inhalten geistig-kulturell „gearbeitet". Man kann sagen, daß die
Kurden durch ihre eigenen Religionen, aber auch durch die von ihnen
geleistete Bereicherung der islamischen Religion,
einen definitiven Beitrag zur Weltkultur geleistet haben.
Der berühmte
muslimische Scholastiker, der Rhetoriker und Theologe Imam Mohamad
AI-Gazzali (1058-1111 n. Chr.) schrieb, daß das islamische Geistesgut
auf vier Säulen steht. Er nennt die vier Gelehrten, die diese
Säulen darstellen. Drei von ihnen sind Kurden, nämlich Scharazuri, Amedi
und Dinawari. In Anbetracht der Bedeutung Al-Gazzalis im Islam
ist das eine „Magna Charta" für den Beitrag der Kurden zur
islamischen Hochkultur.
Darüber hinaus haben
die Kurden noch einen anderen Beitrag zur islamischen Kultur geleistet, sie
haben dazu noch den „kurdischen Islam" geschaffen. Es gibt in
Kurdistan verschiedene Derwisch-Orden, wie Naqischbandi-Khalidi,
Qadiri, Nursi, Nimatollahi u. v. a. m., die sich
nicht nach dem äußeren Sinn des Schariat (islamisches Gesetz)
orientieren, wie es in der scholastischen Theologie in der Frühzeit des
Islam vor etwa 1.400 Jahren festgelegt wurde, sondern die immer versucht
hatten, durch Auslegungen, was bei den Muslimen „Idschtihad"
heißt, und mit Hilfe von Gnosis, von Philosophie und
Rhetorik etwas Neues zu finden, was im Wortlaut in den Kapiteln und
Paragraphen des Koran und Sunneh, d. h. in den „Sprüchen
und Taten" des Propheten nicht existierte. Sie versuchten, diese
neuen Interpretationen zu finden, um die zwischenmenschlichen Beziehungen,
das gesellschaftliche Leben unter dem Dach des Islam (für sich) leichter zu
machen. Bis heute gibt es Derwischorden in Kurdistan, die erkennbar
eigene Richtungen in der islamischen Religion behaupten. Die Entsagung von
der Welt und asketische Hingabe bei diesen Derwischorden gehen sehr
wahrscheinlich auf den Buddhismus zurück. Zu den berühmtesten
kurdischen Derwischorden zählen die von Scheich Abdul Qadiri Geylani
mit dem Beinamen Ghaws (1077/8-1166), Mawlana Khalid
(1776/7-1827) und Scheich Marifi Node(h)yi (1753-1838).
Die Besonderheit der
Kurden ist, daß sie die religiösen Vorstellungen, die sie vor der
islamischen Invasion hegten, erkennbar weiter gepflegt haben. Die
kulturelle Leistung der Kurden besteht darin, daß es ihnen mehrmals gelungen
ist, synkretistische Religionen mit über die Einzelbestandteile
hinausgehender neuer Gesamtaussage zu schaffen.
Sehr verehrte Gäste,
liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer,
es ist schwer, über
etwas zu sprechen und es zudem einordnend darzustellen, wenn die Materie,
über die man spricht, nicht allen gleichermaßen bekannt ist. Deshalb möchte
ich noch einmal einen Vergleich versuchen. Das Beispiel vom Blumenstrauß
wurde schon angeführt. Wir können auch eine Gruppe von Musikanten als
Beispiel nehmen. Jeder spielt sein Instrument, aber alle zusammen
lassen etwas Neues entstehen. Oder nehmen wir eine Sammlung von Steinen.
Je nachdem, wie die Steine gelegt werden, müssen die Übergänge zwischen
ihnen anders ausgelegt werden, und damit alles schön paßt und nahtlos
ineinander übergeht, wird man sich viel Mühe geben beim Einpassen.
Die Harmonie des Ganzen und seine Aussage wird von den auf Anhieb
erkennbaren großen Steinen - im Verein mit den Zwischenräumen -
bestimmt. Vorhandene und bewahrte Unterschiede sind die Voraussetzung dafür,
daß der gelungene Zusammenklang, das gelungene Ineinanderpassen
schließlich möglich ist, wobei das wiederum auch eine zu würdigende Leistung
ist, die die kurdische Kultur in ihrem Wesen charakterisiert.
Ich behaupte, daß
die Neigung zum Synkretismus ein Hauptmerkmal der kurdischen Kultur ist.
In die politische Sprache übersetzt, könnte man sagen, daß sie
pluralistisch ist. Eine Gesellschaft wird pluralistisch genannt, wenn
sie mehrere erkennbar unterschiedliche Richtungen zuläßt. Wenn in
Deutschland z. B. verschiedene politische Richtungen miteinander
eine Koalition eingehen oder sogar eine Regierung bilden, sind
diese erkennbar als z. B. SPD, FDP usw. Jede der Kräfte hat ihre eigenen
Eigenschaften, aber wenn sie sich alle über ein Programm einigen, entsteht
etwas Neues, etwa ein Gesetz, das nicht identisch ist mit den
einzelnen Ideen. Bleibt die Frage, weshalb die synkretistische Kultur der
Kurden samt dem ihr eigenen Pluralismus und der ihr eigenen
Toleranz in der kurdischen Politik so wenig zur Geltung kommt.
Mit dieser Frage, die an dieser Stelle nicht unter den Tisch fallen darf,
können wir uns jetzt im Detail nicht befassen, weil ich hier noch einen
anderen, nämlich realpolitischen Erklärungsrahmen heranziehen müßte,
dennoch behaupte ich - auch angesichts der Zerstrittenheit der kurdischen
Parteien zum gegenwärtigen Zeitpunkt und auch im Rückblick auf dieses
Jahrhundert, das für die Kurden ein Jahrhundert der Trennung und der
Tränen war, daß diejenigen von den Kurden zu wenig verstehen, die die
Uneinigkeit der Kurden zu ihrem bestimmenden Merkmal machen.
Wollen wir am Ende des Jahrhunderts, das die Kurden in so große Trauer
gestürzt hat, positiv und konstruktiv lieber fragen, welche Eigenschaft der
Kurden es war, die den alten Religionen noch Raum gab, wo sie anderenorts
längst verschwunden waren, und welche Voraussetzungen es unter den Kurden
gegeben haben muß, daß gerade sie die genannten synkretistischen Religionen
entwickelten. Warum haben sich so viele alte Religionen und kurdische
synkretistische Religionen in Kurdistan bewahren können, trotz der
islamischen Invasion, warum nicht bei den Nachbarvölkern, die alle viel
einheitlicher, vollständiger islamisiert wurden? Ich habe auf diese Frage
nur eine Antwort: Weil es unter den Kurden einen Hang zum gleichwertigen
Nebeneinander gibt, bis heute, der sich im übrigen auch in der
politischen Kultur der Kurden ausdrückt. Das setzt eine Form von Toleranz
voraus, nämlich die Toleranz, das Nebeneinander von Gleichwertigem
zu ertragen und die Spannung, die durch Vielfalt immer gegeben ist,
auszuhalten. Diese Besonderheit der Kurden gilt es anzuerkennen
und zu pflegen und zu schützen. Diese Besonderheit ist quasi der Schlüssel,
mit dem die Kurden sich ein Leben in Würde und Gleichberechtigung
erschließen können.
Warum gibt es im
Herzen Kurdistans in Kangawar seit Tausenden von Jahren den großen
Tempel von Anahita (weibliche Göttin der Reinheit, des Regens und des
Wassers), zahlreiche christliche Kirchen, das große Heiligtum der
Ezidi (in Lalisch), jüdische Tempel, das Heiligtum der
Aleviten, Kakayis, Schabak und Sarayis. Warum haben
die Oppositionellen der Araber und Perser (und auch
Bahaollah, Prophet der Bahais) in Kurdistan Zuflucht gesucht?
Bahaollah konnte zwei Jahre, von 1854 bis 1855, als er überall verfolgt war,
voll respektiert in Kurdistan leben, und hätte dort auch in Ruhe weiterleben
können, wenn er nicht von selbst gegangen wäre, um seine Religion
weiterzuverbreiten. Warum kann ein enger Mitarbeiter von Saddam Hussein,
der jahrelang Kurden vernichtet hat, sich von Saddam trennen und in
Kurdistan Asyl begehren und finden? Es ist eine Sitte bei den Kurden, daß
sie ihren Erzfeinden verzeihen, wenn sie die Kurden bei sich zu Hause
aufsuchen. Warum haben die Kurden als einziges Volk des Vorderen Orients
ihren traditionellen Tanz in bunter Reihe (Männer und Frauen), der
Raschbalak heißt, bewahren können, trotz aller Vorwürfe der Fanatiker
unter den Nachbarvölkern, die Kurden seien „unmoralisch"? Warum
konnten kurdische Frauen, in jenen Gebieten, wo die Fremdherrscher keinen
Einfluß hatten, ohne Schleier in die Öffentlichkeit und mit dem Mann
auf dem Feld zusammen arbeiten und es bis heutzutage tun, und in
Kriegszeiten Waffen tragen, und warum konnten einige von ihnen sogar eine
führende Rolle spielen, im Gegensatz zu den Frauen der Nachbarländer? Wie
konnte eine Frau wie Kara Fatma eine Armee von Männern führen, so daß
die europäische bzw. die deutsche und orientalische Presse mit Bewunderung
im vorigen Jahrhundert darüber berichteten? Aber nicht nur im vorigen
Jahrhundert hat es eine solche Frau gegeben. Vor etwa 15 Jahren, in den 80er
Jahren führte eine kurdische Frau namens Khadsche (Xeco) Yesar
jahrelang eine Gruppe von Peschmarga (kurdische Freiheitskämpfer),
und lebte mit ihnen in den gewaltigen Bergen Kurdistans (um später im
übrigen nach Paris zu kommen und dort an der Sorbonne eine
Doktorarbeit abzuschließen). Wie hatten die Volksmojahedin (eine
bedeutende persische Oppositionsgruppe) im Sommer dieses Jahres eine
Kurdin zum Oberbefehlshaber ihrer bewaffneten Kräfte machen
können?
Erwähnenswert ist, daß
ein Kurde namens Qassim Amin (1865-1908) um 1900 im konservativen
Ägypten sich so für die Rechte der Frauen einsetzte, daß er von den
Ägyptern den Beinamen „Moharrir al-Mar'ah" (Frauenbefreier)
erhielt. Qassim Amin ist nicht der einzige kurdische Mann, der sich
entschieden für die Gleichstellung der Frau eingesetzt hat. Im übrigen, zur
gleichen Zeit wie sich Qassim Amin für die Rechte der Frauen einsetzte und
durch seine Werke „Die Befreiung der Frau" (1899). und „Die neue Frau"
(1906) ein geistiges Erdbeben in der arabischen Welt verursachte, verfaßte
der arabisch-muslimische Gelehrte Mahmoud Schukri al-Alusi
(1857-1924) in Bagdad ein bedeutendes Buch, um die Frauen vom Besuch der
Schulen abzuhalten, damit sie eben nicht den Weg aus der Häuslichkeit
finden bzw. „keinen Brief an einen fremden Mann schicken können". Sein Buch
nannte er „al—Issabah fi man'al-nisa an al-Kitabah" (Gezielter
Schuß, um den Frauen das Schreiben unzugänglich zu machen).
Erwähnenswert ist
auch, daß es Hinweise darauf gibt, daß es vor der islamischen Zeit in
Kurdistan eine Frauen- oder Mutterrechtsgesellschaft gegeben
haben kann. Daß bedeutende Söhne und Töchter den Namen ihrer
Mutter tragen, und nicht den ihres Vaters, ist nicht nur in der Folklore und
Mythologie belegt, sondern bis in die Gegenwart bei den Kurden
aktuell. Das ist als Indiz zu werten, daß die Stellung der Frau in
vorislamischer Zeit bei den Kurden unter Umständen ein völlig anderes
Gewicht hatte, als bisher angenommen. Ich erinnere hier an die weibliche
Göttin Anahita und daran, daß der große ihr zu Ehren errichtete
Tempel in Kangawar in Ostkurdistan bis heutzutage erkennbar erhalten ist.
Als die Iraner gegen
den Schah revoltierten und für den schiitischen Fanatiker Khomeini
und seinen „islamischen Gottes-Staat" stimmten, waren die Kurden und
ihr geistiger muslimischer Führer Izzaddin-i Hossaini die
einzigen, die sich weigerten und - vergeblich - auf der Gründung einer
demokratischen Republik Iran bestanden und dabei den bis zum
heutigen Tage wirksamen Staatsterror im Inland und Ausland auf sich
zogen. Das alles zeigt deutlich, daß die Kurden nicht nur eine andere
Sprache sprechen als ihre Nachbarvölker, sondern daß sie auch eine
eigene Kultur haben und daß ihnen das Leben in den Besatzungsstaaten
unmenschlich große Opfer abverlangt und seit Jahrhunderten abverlangt,
definitiv seit der Ankunft des Islam, der wie eine Glasglocke sich über das
Gebiet senkte, unter der die Kurden dennoch ihre kulturellen Eigenheiten
weiter pflegten, wie bereits ausgeführt wurde.
Es ist eine
historische Tatsache, daß die von den fremden Machthabern tolerierten
kurdischen Herrscher oder kurdischen Scheichs, die sowohl religiöse als
auch politische Führer waren, traditionsgemäß toleranter waren im
Hinblick auf die Religionszugehörigkeit der von ihnen angeführten Stämme und
Gebiete, jedenfalls toleranter, mit einer anderen Art des Umgangs mit der
Bevölkerung, als sie die Herrscher an den Tag legten, die - mit Zustimmung
der muslimischen Machthaber - bei den Arabern oder Persern oder Türken
herrschten. Nur ein Beispiel: Ein Gouvernement Kurdistan wurde nach dem
Ersten Weltkrieg in Südkurdistan unter der Mandatsmacht der Briten
eingerichtet. Der bekannte religiöse Führer der Kurden Scheich Mahmoud
(1882-1956) wurde offiziell zum Gouverneur von Kurdistan ernannt, der
sich später zum König von Kurdistan krönen ließ. Dieser Kurdenstaat
existierte etwa 5 Jahre (1919-1924). Während dieser Jahre wurde niemand
hingerichtet, niemand gefoltert, keine Frau wegen Ehebruch gesteinigt, wie
es heute in Iran und Saudi Arabien gang und gäbe ist, keinem
Dieb wurde die Hand abgeschlagen, keine religiöse Minderheit wurde
diskriminiert. Dieselbe Qualität des öffentlichen Lebens herrschte in der
Zeit der Republik Kurdistan (1946), deren Präsident Qazi Mohamad
(1893-1947) ein bekannter muslimischer Richter war. Scheich Mahmud
und Qazi Mohamad waren zwei traditionelle kurdische Führer mit
kurdischer Erziehung und Kultur.
Die heutigen
Streitereien unter den kurdischen Parteipolitikern, die zum kurdischen
Kleinbürgertum gehören, sind ein Resultat des politischen Geistesgutes der
türkisch-turanistischen, arabisch-baathistischen, persisch-
schahinschahistisch-khomeinistischen Erziehung, die durch dieses
Jahrhundert hindurch den Kurden in den staatlichen Schulen der Kurdistan
aufteilenden Staaten eingeflößt wurde.
Nachdem die islamische
Religion sich in Kurdistan verbreitet hatte, mehr oder weniger tief, haben
viele Kurden sich nicht nur mit der Pflege der neuen Kultur beschäftigt,
sondern sie haben - aus einem jeweils verzögert erwachten, dafür genuinen
freien Interesse, die arabisch-islamische, die persisch-islamische Kultur,
und viel später - nachdem die Türken in das Gebiet gekommen waren und den
Islam förmlich unbesehen übernommen hatten - auch die osmanisch-islamische
Kultur mit großer Hingabe bereichert.
Bedeutende kurdische
Literaten und Denker haben der arabischen Sprache, der persischen Sprache
und der türkischen Sprache gedient und in diesen Sprachen bedeutende Werke
geschrieben. Sie haben sogar ihre eigene kurdische Sprache
vernachlässigt, und das ist dokumentiert, z. B. mit dem im vorigen
Jahrhundert, zur Zeit des Osmanischen Reiches von Semsettin Sami
geschriebenen Lexikon „Qamüs ül-Aalam" (1314 h./1896-7), in
dem es heißt: „Es ist verwunderlich, daß die Kurden so viele Gelehrte
haben, aber sie schreiben nicht in ihrer eigenen Sprache, sie widmen sich
der arabischen und persischen Sprache. Weshalb ist das so?"
Und weshalb ist das
durch die Geschichte der Kurden hindurch ein charakteristisches Merkmal,
sich so wenig auf sich selbst zu kaprizieren? Ganz kurz greife ich auf den
Beginn des Vortrages zurück, wo ich sagte, daß Kurdistan ein Gebiet
ist, in dem über die Jahrtausende viele Hochkulturen Einfluß übten.
Die Griechen z. B., die oft mit dem Akhamenidischen und
Sassanidischen Reich in Kriege verwickelt waren, machten Station
in Kurdistan und haben in nicht geringer Anzahl Jahrhunderte lang dort
gelebt. Die Bevölkerung muß sich mit den Griechen vermischt haben, die
griechische Sprache zumindest zum Teil angenommen haben. Unter den
interessantesten altgriechischen Wörtern, die ihren Weg in die kurdische
Sprache auf Dauer gefunden haben, ist das Wort Mitra (Stirnbinde,
Bischofsmütze), das im Kurdischen zu Mezer wurde, mit der Bedeutung
„muslimisch-geistliche Kopfbinde". Die kurdischen Gelehrten haben in der
Vergangenheit traditonellerweise einen besonderen Kopfschmuck getragen, der
Mezer hieß. Bis heutzutage haben wir Berge und Ortschaften in Kurdistan, die
griechische Namen tragen.
Die Kurden haben eine
namhafte Universität in einer Stadt namens Harran gehabt,
deren Ruinen bis heute in Urfa in Nordkurdistan liegen. Die
Harran-Universität war in der frühislamischen Zeit ein
Wissenschaftszentrum im Orient. Unsere arabischen Freunde, die hier heute
anwesend sind, haben sicher von Harran gehört, denn ein großer
arabischer Philosoph wie Farabi hatte in Harran in Kurdistan
studiert, und der bekannte muslimische Jurist und große Scholastiker
Ibn-Taimia war Kurde und stammte auch aus Harran.
Harran ist heute eine Ruine, 2 Kilometer entfernt von Urfa in
Nordkurdistan. Zahlreiche große Gelehrte des Orients waren Schüler in
Harran. Es waren die Kurden, die wesentlich dazu beigetragen haben, daß
die griechische Kultur ins Arabische und Persische
übersetzt wurde und damit haben sie auch zwischen der abendländischen
Kultur und der islamischen Kultur vermittelt. Nicht zu vergessen,
daß die eben genannte kurdische Stadt Urfa (Ruha) auch eine
Wiege christlicher Kultur gewesen ist.
Nicht nur auf dem
Gebiet der Kultur haben die Kurden ihren Nachbarvölkern, besonders den
Arabern und Persern und Türken gedient, auch als Soldaten, als die
Kreuzfahrer das „heilige Land" Palästina angriffen,
marschierte der große Kurdenfürst Saladin (1137-1193) mit seiner
kurdischen Armee nach Palästina und konnte die Kreuzfahrer in
erbitterten Kämpfen zurückschlagen. Mit großem Verlust an Leben von seinen
kurdischen Landsleuten konnte er den Sieg erringen. Aber Saladin hat
weder die Araber noch die Europäer schlecht behandelt, und
deshalb ist mit Saladin auch sein kurdisches Volk in die
Weltgeschichte eingegangen, denn es ist bekannt, als er nach Damaskus
ging, sagte ihm eine arabische Persönlichkeit: „Gott, ich danke Dir, daß
Du durch den Kurden die Religion des arabischen Gesandten gerettet
hast". Dann sagte er: „Wir freuen uns, daß ein kurdischer
Bruder unser Land besitzt und nicht ein Fremder". Saladin antwortete: „Ich
bin nicht als Besitzer gekommen, ich bin Euer Diener." Als
Saladin im Jahre 1181 in Ägypten das erste Krankenhaus bauen
ließ, nannte er es in kurdischer Sprache „Bimaristan". Bis in die Gegenwart
nennen die Ägypter dieses antike Krankenhaus „Bimaristan", sowie sie
auch jedes andere so nennen.
Nicht nur Palästina
und Ägypten, sondern auch Syrien und Jordanien zeugen
bis heute in ihren volkstümlichen Bezeichnungen für antike Denkmäler von der
glorreichen Vergangenheit der Kurden. So gibt es in Syrien Überreste
einer einst wahrhaft mächtigen Festung, die „Kurden-Festung" genannt
wird (Hossn al-Akrad), und in Jordanien gibt es Überreste der Salt-und
Adschloun-Festung, die nicht minder bedeutsam gewesen sein wird, um
nur zwei Beispiele zu erwähnen für kurdische Architektur und Macht, die
bis heute überliefert sind
Und noch ein
interessantes Detail zur Bereicherung - dieses Mal ist es eine Bereicherung
der arabo-islamischen Kultur durch die Kultur der Kurden möchte ich
erwähnen. Als die Muslime nach Iran kamen und ihre Religion, der Islam, zur
Staatsreligion wurde, was die Sprache des Staates gleichzeitig
arabisierte, haben die Araber ihrerseits eine Vielzahl von Wörter, besonders
technische Begriffe wie z.B. Qalam (Bleistift), Barid (Post),
Fan (Kunst), Handasa (Geometrie) aus dem Kurdischen
übernommen. Das habe ich in einem Vortrag in arabischer Sprache ausgeführt,
den ich am 21. Mai 1994 in Köln vor zahlreichen muslimischen
Theologen aus aller Welt gehalten habe. Der Vortrag ist in diesem Jahr
(1997) erschienen, unter dem Titel: „Die unten gehaltenen Kurden
und ihre muslimischen Brüder". Manche Wörterbücher und Lexika, wie das
bekannte Lexikon von Firouzabadi, merken immerhin an, daß die Wörter
für Bleistift, Kunst, Geometrie, Post, Heft etc. Fremdwörter im
Arabischen sind. Aus Zeitmangel kann ich die Etymologie dieser Wörter
hier nicht erklären. Ich kann hier nur mit Bedauern erwähnen, daß die
kulturelle Leistung der Kurden in der Vergangenheit im Rückblick -besonders
was die vorislamische Zeit angeht, aber auch die Zeit nach der
arabo-islamischen Invasion -fälschlicherweise unterschätzt wird.
Das gilt auch für die
kurdische Musik. Die kurdische Musik hat ihre Eigenarten, was Rhythmus und
Tonfolge angeht, Musikwissenschaftler können das begründen, ich möchte dazu
hier nur so viel sagen, daß die kurdische Musik sehr wahrscheinlich im 8.
und 9. Jahrhundert in großem Stil im Palast der arabo-muslimischen Herrscher
in Bagdad ihren Einzug hielt, und zwar durch den kurdischen Komponisten und
Sänger Ishak Mussli (767-850). Der in der arabischen Musik benutzte
Terminus „Rast Kurdan" (wörtlich "Tonart der Kurden") und weitere
Termini wie „Watar al-Kurdan" (wörtlich „Kurden-Saite der Laute"),
und „Kar-Kurd" und „Bayati Kurd",
die alle in der
arabischen Musik benutzt werden, sprechen für sich. Es ist unverkennbar, daß
die kurdische Musik bis auf den heutigen Tag die orientalische Musik
bereichert, wobei die Quelle der kurdischen Musik nicht versiegt, sie wird
in ihrer Besonderheit weiter gepflegt und ist als solche erkennbar.
Kurdische Musiker, Sänger und Komponisten, die die Musik der Nachbarvölker
durch kurdische Musik bereichert haben, sind zahlreich. Rahim Moeni
Kirmaschani bei den Persern, Nazim Ghazali bei den Arabern und
Ibrahim Tatlises, Izet Altinmese bei den Türken sind nur
einige berühmte Beispiele. Es ist zu bemerken, daß die Staaten, die
Kurdistan beherrschen, sich kurdische Kultur oder Teile der kurdischen
Kultur auf primitive Weise aneignen, nämlich „per Gesetz". Z. B.
feiert Syrien das kurdische Nationalfest Newroz (Neujahrsfest) am 21.
März als „Baumfest". Der Türkenstaat, der seit seiner Gründung 1923/24 das
Feiern dieses Festes mit schwerer Strafe verfolgt hatte, hat vor wenigen
Jahren das Newroz-Fest, dieses Mal als Nevrüz zu einem „uralten
Türkenfest" erklärt und die kurdischen Nationalfarben Rot/Gelb/Grün,
die er jahrelang bei Strafe selbst verboten hatte, als „herkömmliche
Türkenfarben" bezeichnet und sich angeeignet. So einfach ist das.
Was die kurdische
Sprache angeht, in den Jahrhunderten seit dem Beginn der
arabo-muslimischen Fremdherrschaft, die später durch eine
perso-muslimische und turko-muslimische Variante ergänzt wurde, haben die
Kurden zwar ihre eigene Sprache und Kultur nicht aufgegeben, sie wurden in
der Privatsphäre gepflegt und weitergegeben, aber offen und produktiv nach
außen haben sich die Kurden viel mehr den Kulturen und auch den Belangen der
Nachbarvölker (Araber und Perser) gewidmet, die um ein weiteres Nachbarvolk
vor rund 700 Jahren (am Ende des 13. Jahrhundert) erweitert wurden, als
nämlich eine nicht enden wollende Kette von türkischen Stämmen,
mongolischen und turkmenischen Stämmen, aus dem mittelasiatischen Raum nach
Kleinasien kam. Diese neuen Invasoren konnten im Jahre 1258 das
islamische Kalifat in Bagdad stürzen, das bis dahin in der Hand der
Araber war. Natürlich haben die Kurden auch gegen die neuen Invasoren
Widerstand geleistet. Sie versuchten, sich in Fürstentümern, in unabhängigen
Fürstentümern zu organisieren oder weiter als solche zu bestehen. Damals
waren die Staaten keine modernen Staaten, sondern im Vorderen Orient gab es
Fürstentümer. Die Kurden hatten zahlreiche Fürstentümer. Die mächtigsten
waren Hassnawie, das 959 n. Chr. gegründet wurde, und Dostaki
(990-1096 n.Chr.). Das letztgenannte Fürstentum befand sich in
Mittelkurdistan und unterhielt diplomatische Beziehungen zum
Byzantinischen Kaiser Basilius II. (957-1025 n.Chr.). Als 1258 das
islamische Kalifat durch die turko-mongolischen Invasoren gestürzt wurde und
die Neuankömmlinge in der Region die Macht in die Hände bekamen, konnten sie
diese Macht nicht nur behalten, sondern noch weiter ausbauen, weil sie den
Islam praktisch in einem Guß als Religion übernahmen, und zwar, die
Konfession des Islam, die von dem islamischen Kalifen in Bagdad
vertreten wurde, nämlich die sunnitische Konfession. So entstand in
Kleinasien eine kleine islamisch-sunnitische Dynastie einer
Türkenfamilie, deren Oberhaupt „Osman" hieß (1299-1923/24).
Sehr verehrte Gäste,
liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer,
im Islam gab es
ursprünglich 3 Konfessionen: Sunniten, Schiiten, und Kharidschiten.
Die Kharidschiten haben mit der Zeit an Bedeutung verloren, sind zahlenmäßig
nur noch gering, in Nordafrika gibt es noch einige. Blieben die
Sunniten und Schiiten, von denen sind heute etwa 85% Sunniten und ungefähr
15% Schiiten. Die osmanischen Türken (1299-1923/24) haben die
sunnitische Konfession adoptiert. Im Iran adoptierten die Safawiden
(1501/1502-1736), die ein mehrheitlich aus Persern und Azaris
bestehendes Fürstentum unter sich hatten, die schiitische Konfession.
Das war zu Beginn des Aufstiegs der Safawiden zur Macht, Anfang des 16.
Jahrhunderts. Die Safawiden haben mit Gewalt die Perser und Azaris, die in
ihrer Mehrheit zunächst Sunniten waren, zum Schiitentum gebracht. Bei den
folgenden religiös begründeten Konflikten zwischen den
sunnitischen Osmanen und den schiitischen Safawiden stellten sich
die Kurden auf die Seite der Osmanen. Damit begann eine völlig
neue Ära für die Kurden. Vor dieser Zeit (und vor der arabo-muslimischen
Invasion) hatten die Kurden in enger Nachbarschaft allein zu den Persern und
zu anderen Iranern gelebt, zu denen die Kurden, die wie Perser,
Belutschen u. v. a. m. auch Iraner sind, von jeher viel engere
kulturelle Bindungen hatten als zu den Neuankömmlingen in der Region,
Arabern und Turkvölkern. Auch in manchen von Persern besiedelten Gebieten
waren zahlreiche kurdische Stämme beheimatet. So war es klar, daß die Kurden
öfters auf der Seite der persischen Stämme standen, wenn es zu
Auseinandersetzungen mit den Invasoren kam. Das hörte allerdings auf, als 7
Jahrhunderte nach der arabo-muslimischen Invasion und 5 Jahrhunderte nach
der mongolo-türkischen Invasion - die Safawiden auf iranischer Seite
mit einer neuen religiös-fanatisch verbrämten Großmachtpolitik gegen die
Kurden vorgingen und im Namen des Schiitismus sogar Verbrechen gegen
die Kurden begingen, was als Trennungspunkt zwischen Persern und Kurden
angesehen werden kann. Als es im Jahre 1514 zu einem erneuten und
vielschichtigen Konflikt zwischen den Osmanen und Safawiden kam, stellten
sich die Kurden dieses Mal nicht auf die Seite der Safawiden und Perser. Die
kurdisch-türkische Waffenfreundschaft führte zur blamablen
Niederlage der Safawiden in dem Krieg, der als „Tschaldiran-Schlacht"
in die Geschichte eingegangen ist.
An dieser Stelle
sollte klargestellt werden, daß die Identifizierung der Perser mit
dem Iran falsch ist. Die Perser sind nur ein Teil von Iran. Iran ist
sehr groß, das Verhältnis der Perser, der Kurden, der Belutschen und
Azeris, zum Iran kann grob verglichen werden mit dem Verhältnis der
Deutschen, Franzosen oder Engländer zu Europa. Die Kurden sind Iraner. „Wo
wir einem Kurden begegnen, da ist Iran", hat ein großer europäischer
Orientalist im vorigen Jahrhundert gesagt, der den Orient mit eigenen Augen
gesehen hatte. Ursprünglich kommt das Wort Iran von „Bum-i Aryanam",
was „Boden der Arier" heißt. In den altiranischen Sprachen gab
es nicht das Wort „Iran", sondern „Eran", und auch heutzutage
sagen die Kurden nicht Iran (wie die Perser), sondern sagen Eran.
Darin kommt die Altertümlichkeit der kurdischen Sprache zum Ausdruck.
Die Kurden sind Iraner, aber sie sind keine Perser, die Perser sind auch
keine Kurden, aber beide haben - zusammen mit den anderen Iranern (Belutschen,
Tadschiken, Paschtunen, Osseten) - eine gemeinsame iranische
Kultur, wie auch die Franzosen, Deutschen, Engländer ihre
Besonderheiten haben, ihre eigene Kultur haben, sie alle aber eine
gemeinsame europäische Kultur haben. So gibt es auch eine iranische
Kultur, und diese iranische Kultur erstreckt sich von Mittelasien bis zum
Mittelmeer und im Süden bis zum Persischen, d.h. Iranischen Golf.
Auf der einen Seite des Golfes sind die Araber, daher auch Arabischer
Golf, und auf der anderen Seite sind die Perser, aber nicht nur sie, sondern
auch vereinzelte kurdische Stämme, die bis heute immer noch in der
Nähe dieses Golfes leben, wie sie in der Vergangenheit es in viel größerer
Anzahl taten, was die iranische Seite des Golfes - wenn man es mit der
Bedeutung des Wortes Iran genau nimmt - eigentlich zum
Kurdisch-Persischen Golf macht. Das ist auch historisch belegt,
worauf ich noch zurückkomme.
Die Invasion der
Araber, die im 7. Jahrhundert nach Christus den Islam nach Kurdistan und in
den Iran brachte, war das eine Großereignis in der Geschichte der Kurden.
Das andere Großereignis war der Einfall der Türkstämme von Norden, der zum
Sturz des Kalifats in Bagdad führte. Das spätere Osmanische Reich begann mit
einem kleinen Fürstentum, das einen Osman zum Stammesführer wählte,
woraus das Herrscherhaus der Osmanen wurde. Die Kurden hatten auch ihre
unabhängigen Fürstentümer und Dynastien, die auf vielfältige Weise mit den
kurdischen Stämmen verbunden waren. Das Gleiche galt für die Perser. Die
Loyalitäten und politischen Bindungen waren so vielfältig damals wie sie es
heute sind, wenn auch auf andere Art vielfältig als in Europa heute.
Kommen wir noch einmal
zurück zum Jahre 1514, das ein wichtiges Datum in der Geschichte der Kurden
darstellt. Im Jahre 1514 haben sich die osmanischen Türken (die
Sunniten waren) mit den kurdischen Sunniten verbunden, gegen die
Perser, die Schiiten waren. Daß sich die Kurden diesmal nicht
auf die Seite der Perser stellten, hatte mit der unglaublich ungeschickten
Politik der Safawiden zu jener Zeit zu tun. Sie haben ganz offen sehr viele
Verbrechen in Kurdistan begangen, im Namen ihrer Konfession. Sie kehrten
ihren Schiitismus zu jener Zeit sehr heraus, entpuppten sich als fanatische
Schiiten. Tausende wurden getötet. In der Zeit stellten sich die Kurden auf
die Seite der Türken, gegen die persischen Safawiden. Sie haben sogar
zeitweilig die Hauptstadt der Safawiden Täbriz besetzt, sind
dann natürlich wieder zurückgekommen. Was blieb, war eine Art
Waffenfreundschaft zwischen den Türken und Kurden, die es vorher nicht
gegeben hatte. Das Einvernehmen entwickelte sich sogar zu größerer
Dimension, nämlich zur Gründung des Osmanischen Reiches. Es
ist falsch, wenn man sagt, das Osmanische Reich war ein
Türkenreich, sicherlich nicht. Es wurde hauptsächlich von den kurdischen
Fürstentümern begründet. Wenn die Kurden sich nicht mit dem osmanischen
Sultan geeinigt hätten, gegen die Safawiden, hätten die Safawiden das
Gebiet selbst besetzen wollen. Es war ein natürliches Anliegen der Kurden,
daß das Osmanische Reich auf den Weg gebracht wurde, auf der Basis der
Zusage, daß der osmanische Sultan die innere Unabhängigkeit der
kurdischen Fürstentümer später respektieren würde. Es wurden Verträge
geschlossen, die die osmanischen Türken allerdings nicht respektierten.
Die
aggressiv-expansionistische Politik der osmanischen Türken wurde ganz
früh deutlich. Zwei Jahre nachdem die Vereinigung der Osmanen mit den
kurdischen Fürstentümern vollzogen worden war (1516-1517), hat der
osmanische Sultan Selim I. Syrien und Ägypten annektiert. Im Jahre
1517 entzog er durch eine List den Arabern das Kalifenamt und führte
anschließend seine Armee nach Europa, um die angrenzenden christlichen
Völker dort, die Griechen, Bulgaren, Österreicher, als „Gottlose"
zu bekämpfen und ihre Länder zu erobern. Es ist zu bemerken, daß die Osmanen
bereits im Jahre 1453 die weit westlich gelegene Stadt Konstantinopel
besetzt hatten, die die Hauptstadt der Byzanthiner war. Die Rede ist
vom heutigen Istanbul. Das Wort Istanbul ist eine türkische Verballhornung
des ursprünglichen Namens Konstantinopel. Im 16. Jahrhundert annektierte der
osmanisch-türkische Sultan alle arabischen Länder. Ein Jahrhundert später
(1639) einigten sich die Osmanen mit ihren Erzfeinden, den
Safawiden, um Kurdistan - zunächst auf dem Papier -aufzuteilen.
Zwischen 1839 und 1859
haben die Osmanen einige Dekrete unter dem Namen „Tenzimat"
(Reformvorschriften) herausgegeben und begonnen, das Wirtschafts- und
Sozialgefüge der Kurden zu zerstören. Sie verstaatlichten das Agrarland in
Kurdistan, das bis dahin nicht im Privatbesitz von Familien oder Personen
war, sondern entweder Kollektivbesitz war in der Hand von Stämmen oder
Kollektivbesitz einiger benachbarter Dörfer war. Sowohl die Bestellung des
Bodens als auch die Ernte wurden kollektiv vorgenommen. Diese Tradition hat
sich in manchen entlegenen Bergregionen Kurdistans bis heute bewahrt. Die
kurdische Sprache kannte die Termini Harawazi (Kooperative) und
Navkoyi (gemeinnütziges Kollektiv) lange bevor in Europa Kommunismus
und Sozialismus erfunden wurden. Die Osmanen gaben diese Ländereien
ihren Vertretern, um sie zu verwalten. Mit der Zeit wurden diese zu
verbrieften Besitzern. Damit ist nach und nach eine fremdbestimmte
Feudalklasse in Kurdistan entstanden, die mit den osmanischen Herrschern
gegen das eigene Volk zusammenarbeitete. Das heutige Dorfschützersystem, das
der Türkenstaat nach Kurdistan gebracht hat, setzt diese alte Tradition
fort.
Parallel zum
Tenzimat-Erlaß, der zunächst nur in den entsprechend geeigneten Regionen zur
Geltung kam, wurde auch die Macht und Autorität der kurdischen Fürsten, d.
h. die vereinbarte innere Selbstverwaltung der Fürstentümer beschnitten. Im
vorigen Jahrhundert (1851) haben die osmanischen Türken das letzte
Fürstentum in Kurdistan zugrunde gerichtet. Das war das Babani-Fürstentum.
Der Untergang der kurdischen Fürstentümer wurde herbeigeführt mit den Waffen
und der technischen Hilfe des Preußenstaates. Der bekannteste
preußische Feldoffizier im Dienste der Osmanischen Sultane war der spätere
preußische Feldmarschall Helmuth von Moltke (1800-1891). Er war aber
wie gesagt nur einer von vielen.
Bald nachdem sich die
Kurden mit den Türken geeinigt hatten, im Jahre 1515, merkten sie, daß die
osmanischen Sultane die Grundlage dieser Beziehung, wie sie in den Verträgen
vereinbart war, nicht respektierten. Wenn die Verträge eine echte Föderation
begründet hätten, wäre es zu dem Jahrhunderte währenden Dilemma dann nicht
gekommen. Immer wieder kam es zu regional begrenzten Aufständen gegen den
Sultan, die aber gegen das fatale Bündnis der Türken und Preußen
nichts ausrichten konnten. Wenn die Osmanen keine preußische Hilfe gehabt
hätten, wäre es unter Umständen für die Kurden möglich gewesen, aufgrund
ihrer Gemeinsamkeiten, die osmanischen Türken zu einem neuen Vertrag zu
bringen, denn - bevor die Preußen den Türken zu Hilfe kamen - hatten die
Kurden offenbar über keine geringe Militärmacht verfügt. Es gibt sehr wenige
Dokumente zu dieser Geschichte. Es gibt aber eine sehr alte Quelle, die das
Potential zu einer neuen Einigung mit den osmanischen Türken zu jener Zeit
wenn nicht belegt, dann doch vermuten läßt. Warum dieses Potential im
kritischen Moment nicht zur Geltung kam, müssen wir noch auf sich beruhen
lassen, wollen uns stattdessen der Quelle zuwenden, die von den die Kurden
jener Zeit verbindenden Gemeinsamkeiten spricht.
Vor 400 Jahren
ist ein Buch namens Scharaf-Nameh geschrieben worden. Scharaf-Nameh
heißt „- das Buch von Scharaf", und Scharaf
(1542/43-1603/4) war ein bedeutender Gelehrter aus Bitlis,
zugleich Sohn eines kurdischen Fürsten. Sein Vater war noch vor
Scharafs Geburt nach Auseinandersetzungen und offenem Kampf gegen den
osmanischen Sultan in den persischen Teil des Iran geflüchtet. Scharaf
wurde in Ghom geboren, der in Persien gelegenen heiligen Stadt der
Schiiten. Dort lernte er die persische Sprache und lebte am Hof der
Safawiden-Könige. Als er merkte, daß die Safawiden ihn gegen das kurdische
Volk wenden wollten, kehrte er in seine Heimatstadt Bitlis zurück, wo er im
Jahre 1596/7 (vor 400 Jahren) sein historisch bedeutsames Buch in persischer
Sprache schrieb. Scharaf-Nahmeh ist ein großes Werk für die Geschichte
des kurdischen Volkes. Der russische Wissenschaftler N. J. Marr,
der ein großer Kurdologe war, befaßte sich mit diesem Werk. Das hat
ihn allerdings nicht so bekannt gemacht wie die Fehden, die Stalin
gegen ihn führte. Stalin hat - die allgemeine Sprachwissenschaft betreffend
- mehrere Artikel gegen Marr geschrieben.
Nebenbei bemerkt ist
es nicht auszuschließen, daß die unheimliche „sprachwissenschaftliche Wut"
des Despoten Stalin gegen Marr darin begründet gewesen sein könnte, daß Marr
Kurdologe und Kurdenfreund war. Dazu muß man wissen, daß Stalin ein Erzfeind
der Kurden war. Stalin war derjenige, der im Jahre 1927 die Autonome
Republik Kurdistan aufgelöst hat, ihren Boden Azarbaidschan
vermachte und den größten Teil der Bevölkerung nach Kasachstan
deportierte. Im 2. Weltkrieg hat Stalin eine weitere Zwangsumsiedlungsaktion
der im „roten Kurdistan" verbliebenen Kurden in Gang gesetzt. Stalin
war nach seinen eigenen Worten von Atatürk positiv beeindruckt, wie
auch Hitler (der Atatürk als seinen Lehrer bezeichnet hat). Man kann die
Politik Stalins hiermit in direktem Zusammenhang sehen.
Natürlich hatten die
Artikel von Stalin gegen Marr keinen wissenschaftlichen Wert, denn Marr
war ein bedeutender Sprachwissenschaftler. Dazu war er ein
hervorragender Kurdologe. Man sollte seine Meinung zum Wert von
Scharaf-Nameh ernst nehmen. Marr hat sich einmal dahingehend geäußert,
daß die Kurden ein von der Geschichte unbeachtetes Volk seien, aber wenn man
das Geschichtswerk Scharaf-Nameh lese, das im 16. Jahrhundert (genau
1596/97) von einem Kurden geschrieben worden ist, und nicht nur aufmerksam
lese, sondern auch gründlich studiere, „hilft (es) diese Lücke zu füllen"
.
Ich kann das
bestätigen. Auch ich habe mich lange Zeit mit diesem Werk beschäftigt, und
meine Überzeugung, zu der ich nach langen Überlegungen gekommen bin,
nämlich, daß das Osmanische Reich eben im wesentlichen auf der Basis der
Absprachen mit den kurdischen Fürstentümern gegründet wurde, führe ich nicht
zuletzt auf mein Studium von „Scharaf-Nameh" zurück .
In diesem Werk
beschreibt Scharaf-eddin Bitlisi die Grenzen von Kurdistan.
Damals gab es überhaupt keinen Nationalstaat. Es gab keinen Staat, der nicht
territorial begründet war. Nationalstaaten bzw. nationale Grenzen
sind erst 1789 mit der Französischen Revolution zustandegekommen.
Vorher gab es auch in Europa keine Nationalgrenzen. Und in Kurdistan setzt
sich ein Kurde hin - vor mehr als 400 Jahren - und spricht von einer
kurdischen Nation, die aus Volksstämmen besteht, und beschreibt die
nationale Grenze Kurdistans als vom Persischen Golf - von
Hormuz - bis zum Kaukasus reichend, und von dort bis zum
Mittelmeer.
Das ist ein
eindeutiger Beleg für die Existenz eines Nationalgefühls, das sogar über das
Erkennen der Gemeinsamkeit hinausgeht. Denn klar ist, daß die Kurden „schon
immer" gewisse Gemeinsamkeiten gehabt und gezeigt haben müssen, sonst wären
sie nicht als Kurden bekannt geworden. Ich will hier keine Beispiele aus dem
Altertum anführen, wo immer wieder von verschiedenen Seiten auf die Existenz
der Kurden in ihrem angestammten Heimatland hingewiesen wird, weil wir ein
sehr schönes frühes Zeugnis von einem Europäer haben. Der als erster
„Weltreisender" gefeierte Italiener Marco Polo (1254?-1324?)
kam bis nach China, und auf dem Weg dorthin und zurück traf er in
Mossul Kurden, und was er über Kurdistan und die Kurden in Erfahrung
brachte, ließ er die Europäer durch seine Schriften wissen.
Die italienische
Kurdologin Mirella Galetti, hat diese Schriften sortiert, die
betreffenden Passagen wurden von einem Kurden ins Kurdische übersetzt. Ich
habe Galetti anläßlich einer Zusammenkunft der Kurdischen
Akademie für Wissenschaft und Kunst in Wien im August 1991 gesehen, sie
hat berichtet, daß sie nicht nur die Schriften von Marco Polo
eingesehen hat, sondern daß sie noch weiter nach frühen Beziehungen zwischen
Italienern und Kurden geforscht hat, und annimmt, daß Marco Polo der erste
Europäer war, der - ihren Forschungen zufolge - das Wort Kurdistan erwähnt
hat, was auch wir annehmen. Vorher gab es aber einen Orientalen, einen
Türken, der in Bagdad lebte und Mahmoud Kaschghari hieß.
Er schrieb im Jahre 466 h.= 1073 n. Chr. ein Buch mit dem Titel: „Diwan
Lughat al-Türk", was auf deutsch „Das Buch der türkischen
Wörter" heißt. In dem Buch, das im Jahre 1940 in Ankara gedruckt wurde,
gibt es eine Landkarte mit einer großen Fläche, in die er auf arabisch „Bilad
al-Kurd" hinein schrieb, was „Land der Kurden" heißt. Und dann
haben wir ein Buch, das der persische Geschichtsschreiber Hamdollah
Mustawfi im Jahre 740 h.= 1339/40 n. Chr. schrieb. Er gab ihm den Titel
„Nuzhat al-Qulub" (Ausflug des Herzens). In diesem Buch berichtet er
u.a. von Kurdistan, und daß es in sechzehn Provinzen eingeteilt sei.
Eine der ältesten europäischen Landkarten, die den Namen von
Kurdistan verzeichnet, wurde im Jahre 1561 n. Chr. in Rom angefertigt und
mit „A. Lafreri" signiert.
Sie trägt den Titel: „La descrittione della prima parte dell’Asia".
Abschließend gibt es im schon
erwähnten osmanisch-türkischen Lexikon „Qamüs ül-Aalam" einen langen
Artikel über Kurdistan und seine Grenzen.
Wie man sieht, ist
Kurdistan also nicht die Erfindung von Karl May (1842-1912), oder wie
manche fanatische Türken sagen, daß sie nur von den Kurden
und Engländern das Wort Kurdistan gehört hätten (und es deren Erfindung
sei). Kurdistan ist eine historische Tatsache. Kurdistan ist sogar mehr
als eine historische Tatsache, und mehr noch als eine geographische
Realität, es ist dazu auch ein Kulturbegriff, wie wir ausgeführt
haben. Es ist nicht so, daß Kurdistan und die Kurden aus dem Nichts
erschienen sind. Die Staaten, die Kurdistan heute aufteilen und die die
Kurden stets in Bezug zu einem Vakuum setzen, sind selbst erst nach dem I.
Weltkrieg zustande gekommen, und zwar als künstliche Staaten mit künstlichen
Grenzen, die nur mit Hilfe von Staatsgewalt einschließlich brutalstem
Staatsterror bestehen bleiben. Kurdistan ist dagegen seit Tausenden von
Jahren normal gewachsen. Dort haben seit Urzeiten Kurden gelebt, und sie
leben dort immer noch, 40 Millionen Kurden, die sich zu ihrem Kurdentum
bekennen, obwohl ein Teil die eine Staatsbürgerschaft hat und ein Teil
eine andere Staatsbürgerschaft, und noch ein Teil noch eine andere
Staatsbürgerschaft hat, und das Ganze derzeit sechsmal.
Die Kurden haben sich
nicht assimilieren lassen, trotz Aufteilung und brutaler Unterdrückung, weil
sie auf sehr starke und sehr vielfältige Weise miteinander verbunden sind,
wie wir verstanden haben, nämlich kraft ihres Synkretismus, kraft der
pluralistischen Kultur der Kurden. Weil eine Politik der Teilung
gegen die Kurden betrieben wird, ist ständig von dem die Kurden Trennenden
die Rede. Ich behaupte, daß die große Kulturleistung der
Kurden darin besteht, sehr Unterschiedliches nebeneinander
dulden zu können, und nicht nur dulden, daß sie es sehr organisch auch
miteinander verbinden können. Das ist wahrscheinlich das
Geheimnis für den bemerkenswert authentischen Reichtum, den die
kurdische Nation zu bieten hat.
Die Kurden haben im
übrigen viele schöpferische Menschen in ihrer Mitte, die ihre Gaben
allerdings weitgehend außerhalb der kurdischen Kultur zur Geltung bringen.
Gefeierte Schriftsteller, Künstler, Denker, große Staatsmänner der Araber,
der Türken, der Perser, sind bis zum heutigen Tage immer noch Kurden. Die
Nachbarvölker der Kurden wissen das, aber nur wenige Europäer, weil sie fern
von der orientalischen Kultur leben, und weil die Kurden es ihnen nicht
sagen. Ich will das hier ganz deutlich sagen: Der kurdische Geist, die
kurdische Wissenschaft, die kurdische Musik sind in wesentlichen Teilen in
die arabische, persische und türkische Kultur eingegangen, sind quasi ihr
Lebenselixier. Ohne die kurdischen Wissenschaftler, Schriftsteller und
Künstler sind die genannten orientalischen Kulturen nicht denkbar.
Denken Sie an den
Schriftsteller Yesar Kemal, der ist türkischer Schriftsteller, aber
Kurde. Denken Sie an den großen arabischen Dichter Ahmad Shawki.
Unsere arabischen Brüder, die hier anwesend sind, kennen diesen Menschen.
Oder denken Sie an den Dichter Schamseddin Zarkuli und an den
Schriftsteller Salim Barakat in Syrien. Oder denken Sie an den
Dichterfürsten Bilind Haydari, der die „Schule des modernen
arabischen Gedichtes" begründete. Diese waren alle Kurden. Viele
hervorragende muslimische Theologen, lange nach Dinawari, Amedi
(Imadi) und
Scharazuri, waren Kurden. Es ist kein Geheimnis heutzutage, daß die
fähigsten Übersetzer, Schriftsteller und Musiker im Vorderen Orient und auch
im Iran Kurden sind. Das beschränkt sich nicht nur auf den Orient. In
Europa und in den USA gibt es inzwischen Wissenschaftler, die einen
internationalen Ruf haben. Dazu gehören der Computerfachmann Professor
Kamal Majid (der in England lehrt und forscht), der Mathematiker und
Elektroniker Professor Jelal Khelani (in den USA) und der Arzt und
Biomediziner Dr. Goran Jemal, der in Großbritannien auch auf
ministerieller Ebene zu Rate gezogen wird, der international bekannte
Petrochemiker Professor Nadir Nadirof, das frühere Mitglied der
Sowjetischen Akademie der Wissenschaften, der jetzt Mitglied der
Russischen Akademie der Wissenschaften und der von Kasachstan
ist, und der sowohl in Schweden als auch in den USA forschende Pharmakologe
Professor Baram Rasul, der kürzlich einen Wissenschaftspreis erhalten
hat für die Entwicklung eines neuartigen Medikaments ( Xaltan ) gegen
zu hohen Augendruck ( Glaukoma-Prophylaxe ). Das zeigt, daß „Kurde
sein" sehr wohl auch mit Kulturleistung, mit Technologie und
Wissenschaft in Zusammenhang stehen kann, und es zeigt uns, daß die Kurden
sich nicht auf sich selbst kaprizierten, obwohl sie die Fähigkeiten dazu
hatten. Viel mehr wollten sie die Nachbarvölker und die Völker, mit denen
sie lebten, besser kennenlernen und mit ihnen gut auskommen, und ihrer
Lieblingsbeschäftigung nachgehen, ich sage das jetzt bewußt salopp, dem
Vergleichen und dem Abwägen, dem Zuordnen und Abgrenzen. So schön und
erbaulich das sein mag, diese Zuwendung nach außen, sie hat den Kurden im
Ganzen ein großes Problem und unzählige Nachteile eingebracht.
Sehr verehrte Gäste,
liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer,
nach dem I.
Weltkrieg, nachdem die neuen Nationalstaaten gegründet waren, die
mit ihren künstlichen Grenzen Kurdistan zerschneiden, kam es zu einem
Kurdengeschwür, einem Kurdenkrebs. Diese Staaten versuchen
nicht, wie es eine Demokratie versuchen würde, dieses Problem zu lösen, den
Kurden die Möglichkeit zu geben, ihr Schicksal selbst zu bestimmen. Sie
versuchen per Gewalt, das Kurdenproblem zu lösen. Dumm sind
jene Menschen, die glauben, daß mit Gewalt irgendein Problem gelöst werden
könnte, nicht nur das kurdische Problem kann nicht durch Gewalt gelöst
werden, kein Problem wird durch Gewalt gelöst. Wenn durch Gewalt
Probleme gelöst werden könnten, hätten diese Staaten, die Kurdistan
aufteilen, die jede Art von Waffen und jede Art von Terror gegen die Kurden
schon eingesetzt haben, mittlerweile ihr Ziel erreicht. Denken Sie bitte an
Saddam Hussein, er hat sogar chemische und bakteriologische Waffen
gegen die Kurden benutzt. Wo ist Saddam Hussein? Jetzt ist er so isoliert.
Und die anderen auch, nicht nur Saddam Hussein, können auf Dauer die Kurden
nicht unten halten.
Nach dem I. Weltkrieg
entstanden im Orient zwei Probleme, an denen die europäischen, die
kolonialistischen Mächte schuld sind: Das Kurdenproblem und das
Palästina-Problem. Das Kurden-Problem und das Palästina-Problem
beunruhigen den Vorderen Orient und nicht nur ihn. Die Großmächte denken,
wenn sie diesen beiden Völkern helfen, ihr Problem zu lösen, und nicht
weiter den Staaten helfen, wird Unruhe die Folge sein. Das Gegenteil
ist wahrscheinlicher. Wenn das palästinensische Volk sein Recht
bekommt, und das kurdische Volk das seine, wenn die dem entgegen
wirkenden Probleme demokratisch gelöst werden, auf der Basis der
Gleichberechtigung, werden wir eine andere Zeit erleben. Natürlich wird es
auch dann Gewalttäter geben, in jedem Lande gibt es Gewalttäter, hier
in Deutschland, in Frankreich, in der ganzen Welt gibt es Gewalttäter, auch
in einem Land, wo sehr viel Demokratie existiert, wo sehr viel Freiheit
existiert, wo die Menschen satt und zufrieden sind, gibt es immer Leute, die
mit Gewalt versuchen vorzugehen, aber so viel Gewalt, wie sie auf der
Tagesordnung steht im Vorderen Orient der Gegenwart, wird es bestimmt nicht
weiter geben, wenn wahrhaft demokratisch vorgegangen wird. Jedes Volk hat
das Selbstbestimmungsrecht, und die Herrschervölker können das
auf Dauer den Benachteiligten nicht vorenthalten.
Es sind ja auch gar
nicht die Herrschervölker, die das tun, vielmehr die Herrscherstaaten,
denn so viel Feindschaft existiert zwischen den Völkern nicht, es sind die
Staaten, die diese Feindschaft gelegt haben und fortschreiben. Die
Herrscherstaaten können aber auf Dauer das nicht durchhalten. Hoffen wir auf
eine Umkehr, auf eine andere Zeit. Wie sagen die Ezidi-Kurden? „Es
wird eine Zeit kommen, da wird die Welt so rein sein, daß wenn du ein Ei auf
die eine Seite der Welt stellst und von der anderen Seite der Welt
hinschaust, wirst du das Ei sehen", so rein wird die Welt sein. Eine
solche Welt wünschen wir uns natürlich und unserem Brudervolk, dem
palästinensischen Volk, wobei nicht nur die Palästinenser unsere Brüder
sind; auch die Juden sind unsere Brüder. Auch sie sind ein
Kulturvolk, ein altes Volk, mit dem die Kurden seit langem Beziehungen
haben. Um so wichtiger ist es, daß beide Völker ihre Rechte gegenseitig
anerkennen, genau wie wir von den Arabern und Türken und
Persern verlangen, daß sie unsere Rechte anerkennen.
In diesem Sinne haben
wir, genauer: die Kurdische Akademie für Wissenschaft und Kunst,
damals Jitzhak Rabin geschrieben, als wir gesehen hatten, daß
Jitzhak Rabins Israel mit dem Türkenstaat - sowohl militärisch
als auch auf nichtmilitärischer Ebene - intensiv zusammenarbeitet. Das haben
wir kritisiert, und er hat uns einen sehr freundlichen Brief geschrieben,
eine Antwort auf den Brief der Kurdischen Akademie für Wissenschaft und
Kunst. Unser Freund Dr. Hassan Ali, der Vorsitzende der
Kurdischen Gemeinde zu Berlin, in deren Räumen wir uns hier befinden,
weiß Bescheid, weil er auch Mitglied der Akademie ist. Jitzhak Rabin
hat uns geschrieben: „Es ist unsere Politik, daß jedes Volk im
mittelöstlichen Raum Freiheit, seine Existenz, seinen Raum und sein
Selbstbestimmungsrecht hat". Es wäre besser, wenn dieser Mensch lebte,
aber der Terror eines irregeleiteten Menschen hat Jitzhak Rabin
getötet. Das war ein Verlust nicht nur für die Palästinenser, sondern auch
für das israelische Volk. Der tragische Tod von Jitzhak Rabin war wie der
rätselhafte, vorzeitige Tod des türkischen Staatspräsidenten Türgüt Özal,
dessen Tod sowohl den Türken als den Kurden großen Schaden zugefügt hat. Mit
dem Tode von Özal ist die kurzlebige Ära zu Ende gegangen, m der die
türkischen Zivilpolitiker etwas gegen die Militaristen zu sagen hatten. Und
mit dem Tode von Rabin ist die Ära der israelisch-europäischen
Öffnung zu Ende gegangen, samt ihren realistisch-demokratischen Zügen.
Ihren Platz haben inzwischen die israelischorientalischen Strategen
eingenommen, mit ihren militärisch unterfütterten,
träumerisch-unrealistischen Zielen. Es ist deshalb auch kein Wunder, daß
Natanyahu und die türkischen Militaristen einander gut verstehen.
Zum Kabinett von
Natanyahu gehört im übrigen auch ein gebürtiger Kurde, und zwar
General Jitzhak Mordikhay. Das ist ein aktuelles Beispiel
dafür, wie das Potential der Kurden nicht in eigener Sache zur Geltung
kommt. Immerhin ist unser Bruder Jitzhak Mordikhay Mitglied der
Kurdisch-Israelischen Kulturgesellschaft und wir haben hier in der
Kurdischen Gemeinde zu Berlin ein Photo, das ihn als Teilnehmer bei
kurdischen Volkstänzen zeigt. Jitzhak Rabin hat den Brief der Kurdischen
Akademie so beantwortet wie schon dargestellt. Als die Kurdische Gemeinde
zu Berlin Jitzhak Mordikhay einen im Ton sehr freundlichen Brief
schickte, zum gleichen Thema (nämlich zur kurdenfeindlichen
Türkisch-Israelischen Allianz), hat er ihn noch nicht einmal beantwortet.
Das zeigt den Unterschied zwischen der Richtung Rabins und Natanyahus
Politik.
Unsere Hoffnung geht
dahin, sehr verehrte Gäste und Freunde, daß Sie - nachdem Sie einen
Überblick über die kurdische Geschichte und Kultur vermittelt bekommen
haben, daß Sie daran denken, daß die Deutschen daran denken, im Sinne der
Völkerverständigung vermittelnd tätig zu sein. Die Deutschen könnten in
kleinen Schritten, im sachlichen Dialog, jenen Staaten, die die Kurden nicht
anerkennen und versuchen, mit Gewalt gegen die Kurden vorzugehen, diesen
Staaten im sachlichen Dialog beibringen, daß das Problem mit Gewalt nicht
gelöst werden kann, in dem Sinne sind wir auch bereit, als Kurden
mitzuarbeiten, mit den deutschen Politikern, mit den Deutschen, die auch
diese Idee haben, sich einzusetzen für einen Dialog zwischen den
Kurden und den Staaten, die Kurdistan aufteilen. Das eben ist die Politik
und das Anliegen der kurdischen Gemeinde zu Berlin. Sie versucht, ihre
Landsleute aufzuklären und im Rahmen eines konstruktiven Dialogs geduldig an
der Lösung ihres Problems zu arbeiten und mit den demokratischen Kräften des
deutschen Volkes zusammenzuarbeiten sowie mit denen der ganzen Europäischen
Union, damit das kurdische Problem demokratisch und friedlich g