Dort, wo das Neue und
das
Alte aufeinander
treffen

von
Kemal Sido-Kurdaxi
ksido@freenet.de
(Zum Autor)
Die
Stadt Aleppo, Arabisch Halab, ist die zweitgrößte Stadt Syriens. Sie ist
eine der ältesten Städte der Welt. Man vermutet, dass Aleppo mindestens
5000 Jahre alt ist. Diese Stadt liegt, wie viele andere, an einem Fluss
namens Kuaik, der leider zur Zeit ausgetrocknet ist. Die archäologischen
Funde auf dem einzigartigen Zitadellenhügel liefern den Beweis dafür, dass
hier schon im 3. Jahrtausend v. Chr. wichtige menschliche Niederlassungen
gewesen waren.
Zwischen
Aleppo und Damaskus bestand seit eh und je eine Konkurrenz. Die beiden
Städte konkurrieren um alles. Sie konkurrieren selbst darum, in welcher von
den beiden Städten man besser essen kann. Diese beiden Städte stritten
miteinander in persischer, römisch-griechischer und islamischer Zeit. Sogar
während der kurzen französischen Herrschaft waren sie miteinander
verfeindet. Bis einer auf die Idee kam und den Streit damit beendete, dass
er Aleppo einen Ehrentitel gab, und zwar „die schöne Hauptstadt des
Nordens“. Damaskus hingegen durfte weiterhin die eigentliche Hauptstadt
bleiben.
Die Stadt Aleppo ist voller Gegensätze, hier treffen das Neue und das Alte
aufeinander, das Konservative und das Liberale. In Aleppo sind Moslems und
Christen, Juden und Yeziden, Araber und Kurden, Armenier und Assyrer und
viele andere zu Hause.
Westlich von Aleppo nicht weit von der
Mittelmeerküste liegt eine nicht weniger ruhmreiche Stadt. Sie heißt
Antiochia: Antiochia am Orontes. Sie ist eine sehr alte frühchristliche
Stadt auf der türkischen Seite der Staatsgrenze. Sie war im Altertum die
Hauptstadt der Seleukiden und wurde vom Nikator um 300 v. Chr. gegründet. Im
ersten Jahrhundert v. Chr. wurde sie Sitz eines römischen Statthalters und
war die drittgrößte Stadt des Reiches. Antiochia wurde im Jahre 540 v. Chr.
von den Persern und Medern erobert. Im Jahre 637 war die Stadt von den
Arabern erobert worden. Im Jahre 1098 kam die Stadt unter die Herrschaft der
Kreuzfahrer und wurde Hauptstadt des christlichen Fürstentums Antiochien.
1268 wurde die Stadt wieder moslemisch, nachdem die Nachfolger des
kurdischen Fürsten Saladin Al-Aijubi weitere Teile des Nahen Ostens von den
Kreuzfahrern zurückeroberten. Später, im Jahre 1516 war die Stadt von den
Türken-Osmanen besetzt worden. 1938 bekamen die Türken Antiochia wieder,
nachdem sie die Stadt am Ende des ersten Weltkrieges an Frankreich verloren
hatten. Damals „schenkten“ die Franzosen, die im Auftrag des Völkerbundes
Syrien verwalteten, Antiochia und die umliegenden Gebiete an die Türkei,
damit die Türken im Falle eines Krieges mit Deutschland neutral blieben.
Heute ist Antiochia fest in türkischer Hand. Von den christlichen Kirchen
und der antiken Kultur ist insgesamt sehr wenig übrig geblieben. Ich habe
mich selber davon überzeugen können, als ich im Sommer 2002 die Gegend mit
dem Auto, auf meinem Weg nach Afrin, bereiste.
Die Türkische Republik gab der Stadt Antiochia den Namen „Hatay“. Dies war
ein weiterer Versuch die Menschen ihrer heimatlichen Geschichte zu berauben.
Die Stadt wehrt sich aber und der Name Antakya (arabisch für Antiochia) ist
immer noch zu hören und zu lesen.
Genau in
der Mitte, auf der Strecke zwischen Aleppo und Antiochia, in einem
wunderschönen Tal liegt meine alte Heimatstadt, denn inzwischen betrachte
ich die Stadt Marburg an der Lahn als meine neue Heimatstadt. Meine alte
Heimatstadt hieß und heißt immer noch Afrin. Ich sage dies, weil die meisten
kurdischen Dörfer und Städte in Syrien umbenannt wurden. Sie bekamen
arabische Namen. Diese Umbenennungsaktion des Staates Syrien wird von den
Kurden als Zwangsarabisierung der kurdischen Gebiete bezeichnet. Afrin liegt
in dem gleichnamigen Tal: das Afrintal. Das ist die Nordwestecke des
Distrikts Aleppo. Hier fließt der Fluss Afrin. Dieser Fluss hat seine
Quellen zum Teil in der Türkei und hört wiederum in der Türkei auf. Man gab
also der Stadt den Namen des Flusses. Die Stadt Afrin ist nicht alt. Im
Osmanischen Reich gehörte das Gebiet „Kurdach“, eingeschlossen die Gegend um
Afrin, zum Bezirk Kilis. Diese ist heute eine türkische Stadt und ist ca. 30
km von Afrin entfernt. Die Türkische Republik, die auf den Ruinen des
Osmanischen Reiches entstand, und die Siegermacht Frankreich teilten diese
Gebiete untereinander auf. Das Bezirkszentrum mit der Stadt Kilis wurde der
Türkei zugeteilt. Nun suchte man nach einem neuen Bezirkssitz. Eine bessere
Stelle als die der heutigen Stadt, konnte man nicht finden. Dort befanden
sich einst schon ein paar Karawansereien auf der wichtigen Karawanstraße
Antiochia – Aintab (Gaziantep) – bzw. Antochia - Aleppo.
Das
erste Gebäude, die „Sarei“ (kurdisch ser = auf und ra = Weg, Haus auf dem
Weg) ist ca. 80 Jahre alt. Die „Sarei“ wurde von den Franzosen gebaut. Hier
hat die Bezirksverwaltung ihren Sitz bekommen.
Nördlich
von Afrin setzt die Bagdadbahn, die mit deutscher Hilfe vor dem Ersten
Weltkrieg gebaut wurde, über eine Eisenbrücke ihre Regelspur von Istanbul
nach Aleppo fort.
Der Name
Afrin selbst kommt vermutlich aus dem alten „Avesta“. Diese ist das heilige
Buch des Propheten Zarathustra, der vermutlich um 600 v. Chr. lebte. Hier
sind immer noch viele Anhänger Zarathustras zu Hause. In der Hellenischen
Zeit hieß der Fluss auch „Apri“. Über den Ursprung des Namen Afrin sind sich
die Historiker nicht einig. Wenn der zoroastrische Ursprung aber stimmen
würde, dann bedeutet das Wort Afrin zu Deutsch: die Schöpfung. Das Wort
„Schöpfung“ heißt im modernen Kurdischen immer noch „afrandin“.
Afrintal
wird von den Archäologen auch als „Zone der toten Städte“ bezeichnet. Hier
wurde 1993 von einem japanisch-syrischen Archäologenteam das Skelett eines
Neandertalers gefunden. In diesem Tal sind die Ruinen vieler alten Städte,
die für frühere Kulturen Zeugnis ablegen, gefunden worden. Aber der für die
Touristen populärste Fund ist der hittitische Tempel nah des kleinen
kurdischen Dorfes Endarê (Aindara). In diesem Dorf ist die Hälfte meiner
großen Familie zu Hause.
Aleppo
hat mich allezeit fasziniert. Noch als Kind wollte ich immer wieder dorthin
mitgenommen werden. Diese Stadt liegt ungefähr 70 km von meinem Geburtsort
Gewrika entfernt. Hier stellt sich die Frage, weshalb in meiner
Geburtsurkunde nicht Gewrika, sondern Kursehel als Geburtsort steht. Dies
ist eine andere sehr spannende Geschichte.
Jetzt
zurück zu Gewrika und Aleppo. Wie ich sagte, zog es mich stets zu Aleppo
hin. Ich konnte aber meine Eltern nicht davon überzeugen, mir zu erlauben,
in Aleppo zu wohnen. In Afrin ging ich 3 Jahre zur Schule, von der siebten
bis zur neunten Klasse. Um nach Aleppo umzuziehen war das Schuljahr
1974/1975 sehr entscheidend. Ich traf mit meinen Eltern eine Abmachung:
„Wenn ich in die nächste Klasse versetzt werde, darf ich in Aleppo zur
Schule gehen.“ Meine Eltern stimmten zu.
Das
Schuljahr 1974/1975 war allerdings ein sehr schwieriges Jahr. Viele Schüler
in Syrien scheitern bei der Prüfungsablegung im Anschluss zur neunten
Klasse. Mit dieser Prüfung nehmen die Schüler sozusagen die erste wichtige
Hürde auf ihrer Schullaufbahn. Mein damaliger bester Schulfreund – auch er
hieß mit Vornamen Kamal - war in der zwölften Klasse. Er musste also Abitur
machen. Wir beide mussten viel lernen, um die Staatsprüfungen zu bestehen.
Für die Schule hatten wir aber sehr wenig Zeit. Damals wurde ein Funktionär,
der auch aus unserem Dorf stammte, aus der Kommunistischen Partei
ausgeschlossen. Dieser war ein sehr anständiger Mensch und dementsprechend
war er in der Gegend höchst populär. Um ihn zu deformieren, startete die
Führung der Kommunistischen Partei eine unglaubliche Hetzkampagne. Dieser
Funktionär gab aber nicht auf und gründete eine eigene Fraktion. Da er auch
bei mir beliebt war, sah ich es als meine Aufgabe, ihn vor den moskautreuen
Kommunisten zu schützen. Und so vergeudeten wir, mein Schulfreund und ich,
unsere ganze Zeit nur noch mit Politik. Aus diesem Grund dachten unsere
Eltern und Bekannten, dass wir die Prüfungen nicht bestehen würden. Auch ein
Geschäftspartner meines Vaters, ein Halabi, also ein gebürtiger Araber aus
Aleppo, zweifelte an unserer Versetzung. Der Halabi sagte wiederholt zu mir:
„Du wirst durchfallen!“ Ich aber erwiderte immer wieder: “Nein, die Prüfung
werde ich sogar mit einer guten Note bestehen.“ Der Halabi sagte: „Ich habe
gesagt, du wirst durchfallen, wenn du aber die Prüfung bestehst, bekommst du
von mir einen Transistor. Du wolltest doch immer ein gutes kleines Radio
haben, oder?“ Diese Wette habe ich angenommen. Ein Transistorradio war ja
immer mein Wunsch. Es ist zu erwähnen, dass das Radio damals, teilweise
immer noch, die einzige Nachrichtenquelle in den kurdischen Bergdörfern war.
In
Syrien beginnen die Staatsprüfungen im Juni und dauern eine gute Woche an.
Die Ergebnisse werden dann Ende Juli bekannt gegeben. Diese Wartezeit ist
für die Schüler und ihre Eltern äußerst aufregend. So war es auch für mich
und meine Eltern. Vor allem meine Mutter machte sich Sorgen um mich. Sie
hatte Angst, dass ich durchfallen könnte und daraufhin die Schule verlassen
müsste. Mein Vater war in dieser Hinsicht noch pessimistischer. Bei ihm
wurden Erinnerungen an meinen ältesten Bruder wach. Dieser musste die
Mittelschule ohne Abschluss verlassen. Er war bei der mittleren Reifeprüfung
drei Mal durchgefallen.
Ende
Juli war es so weit und die Prüfungsergebnisse wurden bekannt gegeben. Auch
in diesem Sommer half ich meinen Eltern bei der Arbeit auf der Plantage.
Diese lag an der Hauptstraße zwischen Afrin und Antiochia. Diese
Verkehrsverbindung ist die wichtigste im ganzen Kreis. Die Straßenkreuzung,
an der die Plantage lag, heißt „Anderi“. An einem heißen Nachmittag kam mein
Onkel mütterlicherseits, der als schneller Nachrichtenbringer sehr berühmt
war, mit einem Sammeltaxi zu uns. Er lief laut schreiend auf die Plantage zu
und sagte: „Kamal hat bestanden, Kamal hat bestanden...“ Über diese
Nachricht freute ich mich natürlich sehr. Es ging nicht nur um das Bestehen
der Prüfung, sondern vielmehr um die Selbstbestätigung: „Jetzt bekomme ich
einen Transistor geschenkt und ich werde nur noch in Aleppo zur Schule
gehen“. In diesem Moment stiegen vor mir tausende Bilder auf. Ich träumte
schon von dem Leben in Aleppo.
Gegen 11
Uhr, in der heißen Mittagspause, stellte ich die Motorpumpe ab. Wir
bewässerten Bäume und Pflanzen mit Hilfe eines 20 PS starken Dieselmotors,
der das Grundwasser aus einem 40 metertiefen Brunnen hochpumpte. Ich ging
zur Hauptstrasse und fuhr mit dem nächsten Sammeltaxi nach Afrin. Nach einer
halben Stunde stand ich schon auf dem Schulhof. Vor der großen Pinnwand
standen bereits viele Menschen, jung und alt. An dieser Wand hing eine Liste
mit den Namen derer, die die Prüfung bestanden hatten. Eine ältere Dame rief
gerade in die Menge: „Schaut nach, ob auch mein Sohn es bestanden hat!“
„Nein“, rief ein Schüler zurück, „den Namen ihres Sohnes haben wir nicht
gefunden“. Ich kann nicht sagen, wie oft man für diese Dame den Namen des
Sohnes gesucht hat. Jedenfalls sah ich sie, wie sie sich vom Schulhof
entfernte. Mit Tränen in den Augen lief sie sehr langsam in Richtung Basar.
Ich weiß nicht, wie lange sie beobachtete. Ihr Anblick bedrückte mich sehr.
Ich bewegte mich traurig zur Pinnwand hin, bis ich eine Lücke durch die
Menge fand. Ich war dabei, meinen Namen an der Wand zu suchen, als mir eine
bekannte Stimme zurief: „Deinen Namen habe ich schon gefunden, du hast 135
Punkte bekommen“. Mit einer erstaunlichen Ruhe suchte ich weiter nach meinem
Namen. Erst nachdem ich mit eigenen Augen meinen Namen hatte lesen können,
trat ich von der Wand ein wenig zurück. Ich drehte mich um und sah Kamal,
meinen Schulfreund. Wir begrüßten uns mit einem starken Händedruck und
freuten uns gemeinsam. Da ich mir sicher war, fragte ich ihn erst gar nicht
danach, ob auch er die Prüfung bestanden hätte. Irgendwann mitten im
Gespräch sagte er: „Ich habe 156 Punkte bekommen, ohne den
Religionsunterricht dazu zu rechnen“. Um in eine syrische Universität
aufgenommen zu werden, werden die Noten des Religionsunterrichts nicht
berücksichtigt. Nachdem ich mich von meinem Freund und den anderen
verabschiedet hatte, ging ich stolz zum Busbahnhof. Und von dort stieg ich
in ein Sammeltaxi ein und fuhr zurück zur Plantage. Nach ein paar Tagen, an
einem Donnerstag nachmittag, kam der Halabi, wie immer aus Aleppo zur
Plantage. Der freie Wochentag ist in Syrien, wie in den meisten moslemischen
Ländern auch, nicht der Sonntag, sondern der Freitag.
Der
Halabi besaß, neben dem alten Lehmhaus, in dem meine Familie wohnte, ein
relativ modernes Wochenendhaus. Wie und auf welchem Wege er von dem Bestehen
der Prüfung gehört hatte, habe ich nicht herausbekommen können. Gleich nach
seinem Eintreffen begann der Halabi mich aufzusuchen. Er fand mich ca. 700 m
vom Haus entfernt. Ich hatte gerade damit begonnen, die Granatapfelbäume zu
bewässern. Noch bevor er mich erreichte, rief er mir auf Arabisch zu:
„Kamal!, Kamal! ...“ Ich begrüßte ihn freundlich und wollte ihm gerade
sagen, dass ich bestanden hätte, als er mir seine Hand reichte und sagte:
„Ich gratuliere dir sehr herzlich!“ Ich sagte ihm: „Danke, aber wo ist... ?“
„Das habe ich nicht vergessen, ein Radio der Marke „International“ liegt
bereits für dich oben im Haus“, sagte er.
Gegen
Abend hörte ich auf zu bewässern. Ich ging hoch zum kleinen Haus, in dem der
Brunnen, der Motor und die Wasserpumpe standen. Nachdem ich mich gründlich
vom Lehm und Schweiß gewaschen hatte, stellte ich den Motor ab und ging zu
meinen Eltern und Geschwistern, die eben gemeinsam mit dem Halabi und seiner
Gattin draußen vor dem Haus unter dem Maulbeerbaum saßen.
Noch
bevor ich dazu kam, hatten meine Eltern bereits mit dem Halabi über eine
Wohnmöglichkeit für mich in Aleppo gesprochen. Der Halabi und meine Eltern
hatten in Aleppo einen gemeinsamen Bekannten, dessen Haus in Aleppo gerade
leer stand. Dieser war nämlich Beamte und diente zu der Zeit in einer
anderen Stadt. In diesem Haus sollte ich wohnen. Mitte September, die Zeit,
in der die Schulen nach den Sommerferien wieder anfangen, war es so weit und
ich zog nach Aleppo. So erfüllte sich einer meiner Träume, in Aleppo zu
wohnen und dort zur Schule zu gehen.
Das
Haus, in dem ich wohnte lag in dem Stadtviertel „Sarei Ismail Pascha“. Es
befand sich unterhalb der berühmten Zitadelle von Aleppo. Hier wohnten
ausschließlich Araber moslemisch-sunnitischen Glaubens. Im Gegensatz zu
Afrin, wo überwiegend aufgeschlossene moslemische Kurden wohnten, herrschten
hier auffallend konservative Strukturen. Auf den Straßen des Viertels konnte
man kaum eine unverschleierte Frau treffen. Der Schleier dort ähnelte nicht
dem dünnen durchsichtigen Gewebe, das von einer Braut bei der Hochzeit
getragen wird, nein, das war ein richtiger Tschador.
In
Syrien müssen die Schüler der Mittel- und Oberstufe eine spezielle
Schuluniform tragen. Dies ist Pflicht sowohl für Schüler als auch für
Schülerinnen. Daher sieht man viele Schülerinnen, die zwar Hosen anhaben,
aber ihre Gesichter mit einem Schleier bedecken. Auch eine Nachbarin von
mir, die ebenfalls die Oberstufe besuchte, und die ich ein paar Mal auf dem
Schulweg angesprochen hatte, musste einen schwarzen Schleier tragen. Sie
trug keinen dicken Schleier, sondern einen dünnen. Unter dem durchsichtigen
Schleier waren ihre wundeschönen Augen deutlich zu sehen. Dieses Mädchen sah
ich zuweilen unverschleiert, beim Wäscheaufhängen auf dem Dach des Hauses.
Von der Terrasse aus konnte ich sie sehr nah beobachten. Ihre natürliche,
jugendliche Schönheit war unwiderstehlich. Der Anblick dieses Mädchen war
nur ein kleiner Trost für mich. Das Stadtviertel blieb für mich dennoch das
Ende der Welt.
Meine Schule befand sich in einem anderen Stadtteil, in „Surian“. Daher
hatte ich einen sehr langen Schulweg. Vom Glauben her war dieses fast
hundertprozentig ein christliches Stadtviertel. Die einzigen Moslems, die
hier wohnten, waren Kurden. Hier wurde nicht Arabisch, sondern Armenisch,
Kurdisch und verschiedene Dialekte des Aramäischen gesprochen. Hier sah man
kaum eine verschleierte Frau. Die Mädchen liefen in den warmen Monaten nur
noch in T-Shirts und kurzen Hosen. Hier gab es nicht mal eine einzige
Moschee. Dafür aber die unterschiedlichsten Kirchen. Kurz gesagt, ich traf
da auf eine mir sehr vertraute Welt, die kaum anders war als meine Heimat
Afrin. Die Welt, in die ich aber nach der Schule hinmusste, war ganz anders.
Deshalb verbrachte ich die meiste Zeit außerhalb meiner Wohnung. Ich kam
nachts nur dann hierher, wenn ich gerade keine andere
Übernachtungsmöglichkeit bei Freunden und Bekannten fand. Obwohl ich in
diesem Stadtviertel ein ganzes Schuljahr wohnte, lernte ich keine einzige
Familie kennen. Für Länder des Südens und für den Orient ist dies sehr
ungewöhnlich. Hier fand ich weder Kaffeehäuser, Eisdielen noch Kinos. Das
Einzige, was es dort gab, war eine öffentliche Küche. Dort konnte man Homus
und Ful zum Mitnehmen bekommen. Homus sind gekochte, zerquetschte und mit
Tahina (Sesammasse) gemischte Kichererbsen. Ful heißen eigentlich dicke
Bohnen. So wird auch eine gleichnamige Spezialität genannt. Die getrockneten
dicken Bohnen werden sehr lange gekocht und mit Tahina und Olivenöl
gemischt. Im Nahen Osten und in Nordafrika werden diese beiden Spezialitäten
vor allem zum Frühstück serviert.
In
Aleppo gab es zwei oder drei Kinos. In solch einem Kino durfte man mit einer
einmaligen Eintrittskarte einen ganzen Tag sitzen. Es wurden den ganzen Tag
über nur ein oder zwei Filme vorgeführt. Jedes Mal, wenn der erste Film zu
Ende ging, wurde der zweite wiederholt. Und so ging es den ganzen Tag. An
Tagen, an denen ich keine Schule hatte und niemanden besuchen konnte, saß
ich nur noch in so einem Kino.
Sowohl
in der Wohnung als auch in dem Stadtviertel war es mir so langweilig, dass
ich erstaunlich gerne in die Schule ging. Sogar nach Schulschluss hielt ich
mich im Stadtviertel der Schule auf. Dort wohnten auch die allermeisten
Freunde und Bekannte.
Diese
beiden Stadtviertel waren auch politisch verschieden. In „Surian“ waren
Kommunisten, Sozialisten, Liberale... vertreten. Aber in „Sarei Ismail
Pascha“, wo ich meine Wohnung hatte, waren nur noch strenge Sunniten, vor
allem Anhänger der Muslimbruderschaft zu Hause. Diese politische Richtung
kannte ich bis dahin nur aus dem Radio. Mit den Muslimbrüdern unterhielt ich
mich zum ersten Mal in der Schule.
Eines Tages lernte ich auch einen mittelgroßen Schüler, mit kurz und schön
geschnittenem Bärtchen, kennen. Er sprach mich sehr nett an und erzählte mir
von Gruppen, die sich regelmäßig treffen, um die wahre Praxis des Islams
kennen zu lernen. Ich hörte ihm schweigend zu. Ich redete nicht von meinen
weltlichen, linksdemokratischen Ansichten, von den sozialistischen
Überzeugungen schon gar nicht. Wenn er von meinen Ansichten gewusst hätte,
hätte er mir nicht mit einer solchen Begeisterung davon erzählt.
Meinerseits wollte ich mich sozusagen aus erster Hand informieren und mich
auch vor den neuen Erkenntnissen nicht verschließen. Es dauerte Wochen bis
auch ich von meinen Überzeugungen etwas erzählte. Seine Geschichten waren so
reizend, dass ich oftmals von mir aus zu ihm Kontakt suchte.
Dieser Bekannter mit dem
Bärtchen erzählte mir von der zionistisch-kommunistischen Verschwörung gegen
die Moslems. Da er von meiner kurdischen Zugehörigkeit wusste, erzählte er
mir auch von der Brüderlichkeit aller Völker, die an Allah und an den
Propheten Mohammad glauben würden. In diesem Zusammenhang las er mir mal
einen „ajat“ (Vers) aus dem Koran, was zur Verstärkung seiner These dienen
sollte. Der Vers lautete:
„Im Namen Allahs, des
Allbarmhezigen. O ihr Menschen, wir haben euch aus einem Mann und einem Weib
erschaffen und euch in Völker und Stämme eingeteilt, damit ihr liebevoll
einander kennen mögt. Wahrlich, nur der von euch ist am meisten bei Gott
geehrt, der am frömmsten unter euch ist; Wahrlich, Gott ist Allwissend und
Allkundig.“ [49, Al-Hudschurat Sure, 13]
Von
meinem Freund mit dem Bärtchen erfuhr ich zum ersten mal auch von Karl Marx’
Zugehörigkeit zum Judentum. Ich hatte schon früher einiges von Karl Marx
gehört, diese Erkenntnis war aber neu für mich.
Diesen
Freund fragte ich einmal doch noch nach einer Erklärung: „Wie erklärst du
die Unterstützung der Araber, zumal auch sie Moslems sind, durch eine
kommunistische Macht wie die UdSSR?“ Auf meine Frage antwortet er so: „Die
UdSSR war das erste Land, das den Staat Israel anerkannt hat.“ „Zudem werden
die Araber von den Sowjets ausschließlich mit Abwehrwaffen und nicht mit
Angriffswaffen beliefert“, erklärte er weiter. „Und der Grund“, sagte er
weiter, „weshalb die Araber die Kriege nicht gewinnen können, ist die
proisraelische Politik der Sowjetunion.“ Er erzählte außerdem, dass die
Russen letztendlich die wirklichen Feinde des Islams wären, weil sie
Atheisten seien. Und die USA wären Verbündete des Islams und der Moslems im
Kampf gegen die jüdisch-kommunistische Weltverschwörung. Er wusste auch von
der Vernichtung der Juden durch Adolf Hitler. Er wusste sogar von einem Buch
Namens „Mein Kampf“, in dem die jüdisch-kommunistische Weltverschwörung bloß
gestellt wäre.
Im
Übrigen hörte ich von ihm, dass Hafis Al-Assad gar kein Moslem sei, sondern
nur ein ungläubiger Alauite. Darüber hinaus lobte er die korrekte Politik
des Königs Hussein von Jordanien und des Königs von Saudi- Arabien. Meine
Gespräche mit ihm machten mich um ein ganzes Stück schlauer – so dachte ich
jedenfalls damals...
An
Wochenenden fuhr ich fast immer nach Afrin. Ich blieb von Donnerstag
nachmittag bis zum Freitag abend auf der Plantage in „Andriye“. Hier wohnten
meine Eltern inzwischen dauerhaft, unser Haus in Gewrika wurde verkauft. Die
Plantage war im Sommer eine Anlaufstelle für alle, die ihre Äcker und Felder
in der Nähe hatten. Die Leute kamen hierher mit verschiedensten Anliegen,
oder einfach um sich zu erholen und eine Tasse Tee zu trinken. Im Gegensatz
zu meiner Mutter freute sich mein Vater sehr um diese Gäste. Nicht mein
Vater, sondern meine Mutter oder die Schwester mussten sich letztendlich
über die Gäste kümmern. Auch ich freute mich über diese Gäste. Schließlich
konnte ich die unglaublichsten Geschichten mithören.
Zu den
regelmäßigen Gästen gehörte auch ein kurdischer Islamgelehrter. Er war der
Imam einer Moschee und bestens informiert, er hörte alle möglichen
Radiosender. Sein Lieblingssender war aber der BBC aus London. In der
unmittelbaren Nachbarschaft der Plantage hatte er seinen Acker. Diesem
Gelehrten hörte ich sehr gerne zu. Ihm konnte ich alle möglichen Fragen
stellen. Mit ihm habe ich sogar diskutieren dürfen. Dem kurdischen Imam
berichtete ich auch von meinen Gesprächen mit dem bärtigen Freund in Aleppo.
Als ich an einem Donnerstag nachmittag dem kurdischen Gelehrten von dem
Inhalt meiner Gespräche in Aleppo erzählte, lachte er sehr lange darüber.
Der Gelehrte beendete sein Lachen, wurde nachdenklich und sagte: „Diese
Ansichten und diese Leute sind mir seit Langem bekannt. Von diesen Leuten
wird die Lehre des Islam nur für fremde Zwecke benutzt. Diese Menschen
nehmen aus dem Koran nur das, was ihnen gerade nützlich erscheint.“
Der
Gelehrte zitierte auswendig den gleichen Vers, den ich schon von meinem
bärtigen Freund gehört hatte und fragte: „Sind die Menschen vor Gott etwa
nicht gleich? Allah macht hier keinen Unterschied zwischen einem Araber,
Russen oder Juden. Lediglich der Mensch wird bei Allah am meisten geehrt,
der am meisten Gutes tut.“ Die Religion sei schon früher oftmals von Staaten
und von Menschen für eigene Interessen benutzt worden. Das hätten die
Omaijaden gemacht, als sie die Macht an sich rissen und Ali, den Neffen des
Propheten, bekämpften. Auch von den Türken (Osmanen) sei der Islam als Waffe
bei Gründung des Reiches in Istanbul verwendet worden. Sogar Kemal Atatürk
habe den Islam beliebig benutzt, um Armenier, Kurden u. a. zu vernichten.
Nicht nur der Islam, sondern auch das Christentum sei häufig missbraucht
worden, von den Kreuzfahrern z. B.
Der Gelehrte beendete seinen „historischen Exkurs“, indem er mich
unmittelbar ansprach: „Hör zu, mein Sohn, der Glaube wird auch in Zukunft
für fremde Zwecke benutzt werden. Du sollst dir nur eine einfache Frage
stellen: Wem nützt das? Solange du dieses nicht heraus gefunden hast, wirst
du nicht begreifen, worum es eigentlich geht.“
Am darauffolgenden Samstag war ich wieder in der Schule in Aleppo. Noch vor
Beginn der Schule suchte ich meinen bärtigen Freund auf. Mit einer
flammenden Begeisterung und ohne jeden Anlass fing ich mit ihm eine
Diskussion an. Ich redete wie ein Wasserfall und erzählte ihm, was ich von
dem kurdischen Gelehrten gehört hatte. Dabei versuchte ich, ihm das Ganze
als meine eigene Story und Leistung zu verkaufen. Wenn ich mich richtig
daran erinnere, war dieses Gespräch meine letzte Unterhaltung ihm. Er wollte
mit mir keine Streitgespräche mehr führen. Hinterher war ich sehr traurig
darüber, dass ich mit ihm so offen gesprochen hatte.
n Aleppo herrschte damals eine trügerische Ruhe. Es wurde lebhaft über den
Besuch des ägyptischen Präsidenten Sadat in Jerusalem diskutiert. Dia Stadt
sollte sich entscheiden: Für den Besuch oder gegen den Besuch. Die ersten
Schüsse fielen. Universitätsangehörige und hohe Militärs aus der
Küstenregion wurden Opfer von Attentaten. Aleppo jedoch wollte keine
schwarzweiße Zukunft: Sie bekannte sich, wie der Regenbogen, zu allen ihren
Farben.