Einige sozialpsychologische Aspekte zum Hintergrund von radikal-fanatischen Organisationen im Nahen Osten

 

Dr. I. Kizilhan

           

Nach dem Terroranschlag in New York wird der Islam und Organisationen, die sich angeblich danach richten in der Öffentlichkeit heftig diskutiert. Dabei wir aber kaum die ureigenste Motivation der Täter analysiert. Dass der Terror, die Täter und ihrer möglichen Hintermänner aufs schärfste verurteilt werden ist gut. Aber es beantwortet nicht die Frage, wie Frauen und Männer mit scheinbar unauffälligen Biographien in der Lage sind solche schreckliche und grausame Ereignisse in das kollektive Gedächtnis der Menschheit für immer zu brennen. Dabei zeigt die Geschichte der Menschheit immer wieder, dass Menschen, aus welchen Gründen auch immer, ihr Leben opfern und dabei selbst Hunderter und Tausender Menschen mit in den Tod ziehen. Waren es früher die Kreuzritter oder islamische Kämpfer für den Glauben, die zu Märtyrern wurden, sind es in dem letzten Jahrhundert u.a. auch Patrioten fürs Vaterland oder Revolutionäre für die Freiheit ihres unterdrückten Volkes. Dabei ist zu beobachten, dass die Herrschaftssysteme, gleich ob es um einen Glaubenskampf oder Befreiung einer Gruppe geht, dieses System für sich nutzten und nutzen, um Menschen gefügig zu machen, sie zu instrumentalisieren, als Werkzeuge für solche Taten einzusetzen. Die Individualität wird komplett verdrängt und für das höhere Interesse eines Kollektivs oder des unfassbaren, undiskutierbaren Glaubens geopfert. Wenn einmal eine Person dazu gebracht wird sein eigenes „Ich“ zum wohle des „Wirs“ oder der „Gottheit“ zu opfern, dann gewinnen sein Denken und Handeln einen automatischen Charakter. In jeder Situation wird ein Verhaltens- und Handlungsprogramm aktiviert. Selbstmord und Ermordung von Gruppen wird zur einer “Selbstverständlichkeit” das im „Hardware“ implementiert ist.

Aus sozialpsychologischer Sicht kann dies u.a. auch mit dem Martyrium oder Märtyrer-System oder Denkweise analysiert werden. Dieses System bedienen sich nicht nur Glaubensgemeinschaften, sondern auch  „rationale“ Ideologien, wie der Kommunismus, Sozialismus oder auch demokratische Staaten, die sich in einem staatlichen oder halbstaatlichen Krieg befinden.

Politisch und psychologisch-militärisch wird es eingesetzt, um die Kämpfer zu motivieren, damit sie bereit sind, für die eine oder andere Sache zu sterben. Die Wahrheit ist bitter, aber es ist eine Methode, die Menschen für etwas zu gewinnen und dazu zu bewegen, was sie unter normalen Umständen nicht tun würden.

Die Menschen verlassen Familie, Hab und Gut, die Schule, Universität oder ihren Arbeitsplatz; sie arbeiten, um ihre Fahrt bezahlen zu können, damit sie sich an den „heiligen“ Krieg beteiligen können. Sie stürzen sich nach einer kurzen Ausbildung in den Kampf und finden dabei in den meisten Fällen den Tod.  

Intellektuelle und Akademiker, die sich an solchen Taten beteiligen, können auf einer rein theoretischer Basis sich die Grundlage für einen persönlichen Kampf gegen das Herrschaftssystem aufbauen. Vermischt wird es mit dem religiösen Mhystizmus und der Gruppendynamik innerhalb dieser Gruppen, die sich in hohen Maße unterstützen und sich gegenseitig motivieren. Sie werden „Brüder“ für das Leben im Jenseits. Es ist zu beobachten, dass diese Menschen, gleich welcher Anschauung meist tief religiös und traditionsbewusst sind. Begriffe wie Ehre und Würde, moralischer Sittendkodex stehen an erster Stelle und man ist dafür bereit, sein Leben zu geben. Die Handlungen und Kämpfe dieser Menschen werden durch ihre legalen und illegalen Organisationen mit ihren Ideologien legitimiert. Die religiösen und politischen Ideen können  innerhalb solcher Organisation ein Gleichgewicht haben.

Der `Glaubenskampf´ ist mit dem Begriff `Märtyrer´ umtransformiert worden. Der Kampf für die Freiheit des Landes ist ein ebenbürtiger, wenn nicht ein noch besserer Glauben, zumal das Land als solches objektiv vorhanden ist und die Menschen eine Hoffnung auf Profit und Produktion haben. Wenn die Märtyrer es auch nicht besitzen, so hegen sie den Glauben, dass die kommenden Generationen in der Lage sein werden, davon zu profitieren. Ein konkreter Besitz oder Territorium ist nicht unbedingt notwendig. Fanatischer Glauben oder Ideologie reichen als Konstrukte aus, um den Feind auszumachen und dabei ein Handlungs- Verhaltensprogramm gegen das Böse zu aktivieren.

Der Tod eines Täter kann bei der bei der Familie, dem Bekannten und Kameraden einen tiefen Eindruck hinterlassen. Es ist eine Art Mahnung des Märtyrers, durch seinen Tod eine Rechenschaft und Ansporn über die Weltanschauung und die nachfolgenden Generationen motiviert am gleichen Kampf teilnehmen sollen.

In solchen Organisationen  wird großer Wert darauf gelegt, das jeder einzelne Kämpfer einen Bericht über sich und die Werte der Organisation, seines Führers oder Glaubens schreibt. Diese Berichte werden nach dem Tod der Täter wie ein Juwel behandelt und in ihren Zeitungen und Zeitschriften publiziert. Sie dienen der Mobilisierung neuer Kräfte, vor allem aus der Jugend. Es geht darum, die Jugend und insgesamt die Bevölkerung für den Krieg und Kampf zu begeistern, zur Bestätigung und Rechtfertigung der Politik ihrer Organisation.

Durch diese Berichte soll unterstrichen werden, dass, obgleich jeder Bericht eine persönliche Ansicht darstellt, es gleichzeitig auch eine Dokumentation des kollektiven Selbstbewusstseins gibt.

Die Ideologie solcher Organisationen machen sich zur Aufgabe, den Menschen und vor allem ihren Mitgliedern die menschliche `Unwürdigkeit´ vor Augen zu führen. `Ich bin ein Nichts, ich bin der Geringste und Niedrigste, gegenüber der Sache und des Glaubens´, wird ihnen in den Ausbildungen und bei der täglichen Arbeit eingetrichtert.  Selbst der jenige, der vor einer Kampfhandlung oder einem Attentat steht und weiß, dass er zum Märtyrer wird, betont seine Unterwürfigkeit der Organisation und des Glaubens gegenüber. Durch die Geringschätzung der eigenen Person soll auch die Angst vor dem Tod überwunden werden.

Die Suche nach Martyrium gibt aber den vielen Menschen, die dazu bereit sind, sich ihren `Schwäche´ zu entledigen, sogar den Glauben, sich zu einem `vollkommenen Menschen, einem neuen Typ von Mensch´ zu entwickeln. Dadurch kann der sündige oder fehlerhafte Mensch sogar mit den Heiligen auf einer Stufe stehen. Diese Organisationen versuchen damit abhängige Persönlichkeiten zu schaffen.

So liegt der Sinn des Lebens in Verteidigung der religiös/patriotische Idealen, in der Opferbereitschaft  und darin, dass sich der Mensch durch die bewusste Wahl des Kampfes und durch das Wissen, Märtyrer zu werden,  von der Masse des Volkes abhebt. Darin liegt die geheime ideologische Botschaft, wonach die beispielgebende Opferbereitschaft der Märtyrer nicht von der Bevölkerung verstanden wird und kann. Nur die Elite, die Führung begreift diese Botschaft. Schließlich liegt auf ihrer Schulter die Last des `unwissenden´ und `schwachen´ Volkes, das sie aufklären, bilden, motivieren und schließlich unter anderem durch diese Methoden retten will.

Es scheint, als diese Organisationen die Theorie der "Erbsünde" zu Eigen gemacht, die auf der Geringschätzung des Menschen aufbaut. Denn wer fühlt, dass er keine Angst mehr vor dem Tod hat, der kann wie ein "kleiner Heiliger" selbstbewusst auftreten und seine Umgebung tyrannisieren.

Die Weltanschauung solcher fanatischer Organisationen beinhaltet in ihrer Ideologie die Voraussetzung eines totalitäres Systems, weil sie nur den Menschen als "Wesen" akzeptiert, wenn aller Widerstand in ihm gebrochen ist und er die absolute Dominanz der Elite und deren Anschauungen akzeptiert.

Erweiternd kann man die magische Vorstellung über die Kraft des Blutes zu den bisher erläuternden Vorstellung hinzufügen. Sie werden überall im Krieg benutzt. `Das Blut wird für das Land vergossen, durch das Vergießen meines Blut bin ich unsterblich´, diese und andere Parolen wurden schon immer von jungen Kriegern benutzt. Dieser dogmatisierte Begriff will aber eigentlich nur zum Ausdruck bringen, dass irgendwann der Feind vor dem Blut kapitulieren wird. Hier kommt auch die archaische Vorstellung zum Tragen, dass man im Kampf gegen den Feind mit Entschlossenheit und Glauben mehr erreichen kann als mit guten Waffen.       

Martyrium signalisiert auch, dass ein edler Sieg über den Feind nicht durch dessen physische Vernichtung erreicht werden kann, sondern durch Ertragen von Leid und Schmerz am eigenen Körper. Immer werden die Begriffe `mazlum´, und `mahsum´ gebraucht. Der Begriff "mazlum" bringt die Unterdrückung eines schwachen und hilflosen durch einen starken und skrupellosen Menschen (zalim) zum Ausdruck. Der Begriff `mahsum´ wird benutzt, um zum Ausdruck zu bringen, wie ein Mensch oder eine Gruppe schuldlos ungerecht behandelt wird. Damit soll die Gewissenlosigkeit des Feindes gezeigt werden.           

Diese fanatischen Organisationen verlangen von jedem einzelnen die fügsame, bis in den Tod gehende Hörigkeit gegenüber der Organisation und dessen Führer. Die Organisation, meistens repräsentiert durch einen Führer verkörpert das Wissen, mit dem er das Volk retten kann. Der einzelne wird zur Hörigkeit vom Führer ausgebildet oder erzogen und damit wird das Individuum entpersönlicht. Demut und Unterwürfigkeit führen zur Perversion des Lebensgefühl. Viele sehen ihre Rettung im Tod.  Unterwürfigkeit, Selbsterniedrigung, ja Selbstverleugnung sind Stufen, die die Idee gänzlicher Wertlosigkeit des eigenen Lebens bestätigen. Die Wertlosigkeit des einzelnen, oder besser gesagt, die erreichte Stufe der Wertlosigkeit wird zur Voraussetzung der Verbindung mit dem Glauben oder der Organisation, und diese Verbindung ermöglicht eine Steigerung des Persönlichkeits- und Machtgefühls.

Das Gefühl der `Wertlosigkeit´ kann auch durch die imaginäre Beziehung zum Volk überwunden werden; genauso gut kann die Annahme einer Idee, z.B. `die Araber waren immer zu schwach und benötigen daher ein neues und solch radikales System...´, als Argument und durch die Auslegung des einzelnen den verlorenen Selbstwertgefühl ersetzen. In all diesen Beziehungen zum Kampf, der Organisation und Gott gibt der einzelne  seine Individualität auf, delegiert seine Selbständigkeit und Initiative, sinkt herab zum `Massenmenschen´, und gewinnt dadurch Sicherheit, Geborgenheit und Ruhe in der Gruppe.

Durch die Unterordnung und Loyalitätsbekundung zur ihrer Organisation und dessen Führer  identifizieren sich die Aktivisten miteinander, übernehmen die „Ideale“ des Führers und dessen Weltanschauung und setzen sie an die Stelle des Ich-Ideals. Indem sie sich mit den anderen Sympathisanten identifiziert haben, konstituieren sie das Massenindividuum, den typischen Anhänger, Sympathisanten, Kämpfer oder Attentäter.

Hier wird der Kämpfer, Attentäter zum `Soldaten Gottes´, wodurch er seine `Wertlosigkeit´ oder die erreichte Stufe der `Nichtigkeit´ überwindet. Das heißt, hier wird eine abhängige Beziehung  erzeugt, die an die Mutter-Kind-Dyade erinnert. In diese Beziehung fließt einseitig sehr viel libidinöse Energie. Für Kämpfer ersetzt die Organisation mit ihrem Führer den starken dominanten eigenen Vater, den er liebt. Die Organisation oder der Führer liebt sie nicht, denn er kompensiert nur die Schwächen seiner Kämpfer durch seine angebliche Stärke und Unabhängigkeit. Sein Ich ist wenig libidinös gebunden, er liebt niemanden außer sich selbst und die anderen nur, soweit sie seinen Bedürfnissen dienen. In dieser entfremdeten Beziehung wird der einzelne immer anspruchsloser und bescheidener, der Führer, die Organisation oder die Sache  immer wertvoller, immer stärker. Sie ergreift Besitz von der gesamten Selbstliebe des einzelnen, so dass Selbstaufopferung zur natürlichen Konsequenz wird.

Durch die Verbindung oder Verschmelzung mit der Sache wird aus einer autoritätsfixierten eine autoritäre Persönlichkeit, die nun bereit ist, alle, die in der Hierarchie unter ihm stehen, zu tyrannisieren. Das ist nun die andere Seite seiner Charaktereigenschaften. Der Kämpfer, der bereit ist, zu sterben, verkörpert auf einmal eine Person, die strenge Maßstäbe an sich und die Welt anlegt. Er mahnt die Öffentlichkeit, seine Freunde, Verwandten und seine Kameraden, und kritisiert sie ständig, er gibt gern Urteile über die anderen ab und macht sich zum Richter über sie.

Der Kämpfer, der bereit ist, in den Tod zu gehen, ist überzeugt, dass er und seine Organisation, die `Wir-Gruppe´, alle Tugenden der Welt verkörpern, während die fremden, anderen, die `Sie-Gruppe´, von Untermenschen oder Unwürdigen repräsentiert wird. Gleichzeitig empfindet der Kämpfer Hass gegen den objektiven oder subjektiven Feind. Die Auffassung, sie seien alle Feinde, bringt eine starke Bereitschaft zur Gewaltanwendung mit sich. Typisch ist, dass man dann glaubt, alle Probleme mit Gewalt lösen zu können.

Die Autoritätsfixiertheit legt gleichzeitig ein unerschütterliches Bedürfnis nach Anerkennung offen. Durch die äußere Bestätigung scheint dem Kämpfer nichts unmöglich zu sein. Er reguliert sein Selbstwertgefühl weniger durch gegenseitige als durch einseitige Beziehungen zu anderen Menschen. Dass besonders in den religiösen und konservativen Familien ein Kind nicht um seiner gegenwärtigen, persönlichen Gefühle willen geliebt wird, sondern aufgrund seiner Verhaltensweisen, mit denen es sich an idealisierte Vorstellungen seiner Eltern anpasst, glaubt es, nur für das, was es tut, geliebt zu werden, nicht für das, was es ist.

Damit befinden sich die Kämpfer zusammen mit seiner Organisation, in einem schicksalhaften Kampf gegen den Rest der Welt in dem Bewusstsein, die Notleidenden, Unterdrückten und Schwachen,  die nicht imstande sind, sich selbst zu befreien, zu retten. Das Gefühl, zu einer heiligen Mission berufen zu sein, zu einer auserwählten Gruppe zu gehören, die das weitere Schicksal der Welt entscheidend beeinflussen kann, weist auf ein gestörtes Selbstwertgefühl hin, auf eine narzisstische Kränkung. Durch das "Retter- und Helfersyndrom" werden die tatsächlichen oder die vermeintlichen Mängel und Fehler verleugnet, ja sogar ins Gegenteil verkehrt. Die eigene Person wird idealisiert, aus dem Versager von einst, dem Marginalisierten, Arbeitslosen, Perspektivlosen wird der Befreier der Menschheit.

Gleichzeitig begreift der Kämpfer, der bereit ist, zu sterben, seinen Tod als ein Mittel zur Erreichung der Unsterblichkeit. Obwohl physisch tot, will er durch seine Tat ewig im Gedächtnis der Welt bleiben. Er hofft damit in  der Erinnerung der Nachwelt lebendig zu bleiben. Seine Tat soll ihn verewigen.

 

Dass es einen wirklichen Tod nicht gibt, dafür hat auch die kollektive Sprachregelung dieser Organisationen gesorgt; denn wer im Kampf für die Sache fällt, ist nicht tot, sondern ein Schehid (Märtyrer) und Schehid bedeutet ewiges Leben.

 

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