Die Freiheit verdrängen
Dr. Ilhan Kizilhan
Die Revolution, wahrscheinlich überall, wo es einmal beginnt
ist zu Anfang von Idealen der Freiheit, Unabhängigkeit und Demokratie geprägt.
Vor allem die Freiheit, frei sein ist das Ziel, weil der Istzustand das
Gegenteilige ist. Es ist Unterdrückung des Geistes mit den Mitteln der Gewalt,
meistens über einen psychischen Vorgang, wie Folter, Verhaftung oder Tod. Die
Freiheit als Realwunsch, mit oder ohne ideologischen Dogmen und Hintergrunde
wurde durch den Tod verdrängt. Diese Entwicklung hat einen entscheidenden
Einfluß auf das vergangene kollektive Gedächtnis und bestimmt heute das Leben
der kurdischen Gemeinschaft im Herkunftsland und in der Diaspora.
Wenn man sich die existenzielle Lebens- und Widerstandsphilosphie
der Kurden genauer ansieht und insbesondere das letzte Jahrhundert,
insbesondere die letzten zwanzig Jahren in Kurdistan berücksichtigt, so war der
Tod immer ein täglicher Bestandteil des Lebens. In den letzten zwanzig Jahren
des bewaffneten Widerstandes der Kurden in der heutigen Türkei waren und sind
die Menschen täglich Repressionen ausgesetzt. Der Tod war und ist ein
Bestandteil des Alltags in Kurdistan geworden. Es wurde versucht, diese
Unausweichlichkeit des Todes durch die Euphorie der Revolution, Freiheit und
Unabhängigkeit in verschiedenen Formen zu verdrängen. Ein unausweichlicher
Schutzmechanismus, der gerade in sozialistisch geprägten Organisationen – mehr
als in religiös-fundamentalen Bewegungen – den Begriff
,Märtyrer‘ prägte und ausweitete, also die Unsterblichkeit, die
„Fortsetzung des Lebens im Volke“. Die Freiheit, das individuelle und
kollektive Leben nach ihrem eigenen Willen zu gestalten, beflügelte die
Menschen; Folter, Deportationen, Gefängnis und Flucht wurden hingenommen, da es
der „heiligen Sache“ diente. Und letztendlich, nach dem Paradigmenwechsel der
kurdischen Bewegung, vor allem nach der Kehrtwende der PKK und ihrer Politik,
führt dies heute die Intellektuellen, Revolutionäre, Freiheitskämpfer und Teile
der kurdischen Bevölkerung in die Isolation, verbunden mit dem Fehlen eines
erkennbaren Lebenssinns. Es sollte aber schon an dieser Stelle verdeutlicht
werden, dass, so grausam diese Tatsachen auch sein mögen, diese Vergangenheit
auch den Keim von möglicherweise neuer Weisheit, Erfüllung und Perspektiven
bergen kann.
Die eindeutigste Tatsache des Lebens – eine Tatsache, die wir
intuitiv begreifen – ist die Unausweichlichkeit des Todes. Schon früh, viel
früher als allgemein angenommen, lernen wir, dass wir dem Tod entgegengehen und
ihm nicht entkommen können. Und dennoch „...ist alles und jeder bestrebt“, wie Spinoza sagte, „in seinem Sein zu verharren“. In unserem
Innersten besteht ein nie endender Konflikt zwischen dem Wunsch nach
Weiterleben, hier u.a. durch den Versuch der Befreiung eines unterdrückten
Volkes, das Kurdische, und der Gewissheit des Todes.
Um dem Ziel der Freiheit nahe zu
kommen, wurde die Realität der individuellen Freiheit für das Interesse eines
„höheren Zieles“, verleugnet oder tabuisiert. Der Tod wurde „verboten“, und
wenn man ihn nicht verbieten kann, dann versucht man ihn vielleicht zu
„lieben“. Es wurde versucht, auf vielfältige Weise ihn zu leugnen, ihm zu
entkommen oder im letzten Augenblick des Kampfes zu glauben, man lebe „ewig im
Gedächtnis des Volkes“. Bilder, in denen Eltern ihre Kinder bei der Hand packen
und sie der Revolution geben, damit sie für die „Ehre und das Blut des Landes“
kämpfen und sterben, sind noch lebendig im Gedächtnis vieler kurdischer
Menschen. Eltern, weltliche und religiöse Mythen trugen dazu bei, den Tod zu
verleugnen; später personifizierten sie ihn, indem sie ihn als eine „normale
Angelegenheit“ ansahen. Eine Ausnahmesituation, die in vielen Kriegen dieser
Welt bekannt ist.
Außerdem, so schrecklich auch die Erfahrungen der letzen
zwanzig Jahren sein mögen, es ist immer noch weniger schrecklich als die
Wahrheit, dass der Keim des Verfehlens von Anfang an eigentlich zu erkennen
war. Wie es Kinder tun, so hat man dem Tod und der schrecklichen Realität
getrotzt: Sie nahmen dem Tod seinen Stachel, indem sie ihn verspotteten; sie
forderten ihn durch Tollkühnheit heraus oder beraubten ihn seiner
Bedrohlichkeit, indem sie sich – in der kollektiven kurdischen Gesellschaft–
von den Heldentaten der kurdischen Guerilla ermutigen ließen.
Bei den ständig auftretenden politischen und strategischen
Fehlern der Befreiungsbewegung fand immer wieder eine Verdrängung statt;
systematisch wurde gelernt zu verdrängen und sich emotional abzulenken. Die
Realität wurde mythologisiert. „Der Führer ist unfehlbar“, „die Guerilla wird
Kurdistan befreien“, „die Gefängnisse werden zu Universitäten“ etc. Alles wurde
in etwas Positives verwandelt, ohne dass es reale politische und
gesellschaftliche Ansätze im Sinne einer linearen Entwicklung der Bewahrung des
kollektiven Gedächtnisses und dessen Weiterentwicklung für die zukünftige
Generationen gegeben hätte. Stattdessen fand ein Dahinscheiden, eine innere
Heimkehr ohne Heimat, eine Vereinigung mit einer Volksbewegung ohne Bewegung,
eine Erlösung durch den Führer ohne Erlösung statt. Weiter wurden innere und
reale Gefängnisse geschaffen; Leugnung der Wirklichkeit mit Hilfe von Mythen;
ein unermessliches Streben der kurdischen Jugendlichen nach Freiheit, mit dem
Glauben, über den Tod in die Unsterblichkeit zu gelangen; unvergängliche Werke
zu schaffen war nur und nur durch die Waffe und mit dem „Führer-System“
möglich, das in der kurzen Vergangenheit ein Überleben nur im Geiste anbot.
Eine andere Wahrheit war aber auch, dass die Menschen, die sich aktiv oder passiv
an der kurdischen Bewegung beteiligten, von den Mängeln und Risiken wussten.
Auch die „Elite“ der kurdischen Bewegung wusste und erkannte mit ihrem gesunden
Menschenverstand die Tatsachen, aber der unbewusste Teil ihres Bewusstseins –
das ist jener, der sie vor alles überflutender Furcht und Versagen schützt –
hat den mit den Mängeln und Risiken assoziierten Schrecken abgespalten. Dieser
Abspaltungsprozess vollzog sich bewusst, und nur in den Augenblicken, in denen
das Verleugnungsarsenal nicht mehr funktionierte und die Katastrophe des
Niedergangs mit voller Kraft durchbrach, war er für sie erkennbar. Das geschah
in der Vergangenheit nur selten, vielleicht heute und jetzt. Ein weiterer Grund
liegt vermutlich auch in der geringen Autonomie und Kritikfähigkeit der
kurdischen „Elite“.
Der Glaube, etwas Besonderes zu sein oder eine besondere
Aufgabe in einer besonderen Zeit für ein besonders unterdrücktes Volk zu haben,
schloss ein, dass man glaubte, unverwundbar, unantastbar zu sein – jenseits
biologischer Gesetze und jenseits der Gesetze des menschlichen Schicksals.
Allen Menschen in diesem Krieg ist es widerfahren, dass sie an einem bestimmtem
Punkt ihres Lebens mit einer Krise konfrontiert wurden: In dem Buch werden
einer Reihe von menschlichen Krisen beschrieben, Krankheit, politischer
Misserfolg, Trennung oder Isolierung. Plötzlich und erst jetzt offenbarte sich aber die Gewöhnlichkeit der eigenen
Existenz, und die weitverbreitete Ansicht, im Leben (und vor allem in der
Befreiungsbewegung) ginge es ständig aufwärts, wurde und wird nun in Frage
gestellt.
Während der Glaube, etwas Besonderes zu sein, ein Gefühl
innerer Sicherheit gab, suchten sie mit der zweiten Methode, dem Glauben an
einen Retter, den ewigen Schutz einer äußeren Macht, was ebenfalls scheiterte
und wodurch der Abgrund noch tiefer wurde. Auch wenn viele als Einzelne
versagten oder krank wurden, auch wenn sie an den Abgrund des Lebens gerieten,
so glaubt man eben immer noch, dass die Führer der kurdischen Bewegung
allmächtig, allgegenwärtig als Retter noch da sind und bald nach einer „Taktik“
alle wieder ins Leben zurückholen und endlich befreien werden. Sollte dies
nicht zutreffen, dann stehen jetzt schon andere Argumente bereit. Verdrängung
und Verleugnung sind feste Bestandteile dieser Befreiungsbewegung geworden.
Die Folge davon ist heute, dass eine Gruppe von Menschen eine
gewisse Autonomie durch überhöhtes Selbstbewusstsein entwickelt; eine andere
sucht Sicherheit in der Vereinigung mit einer höheren Macht: Selbstbehauptung
steht gegen Verschmelzung und Abgrenzung gegen Aufgehen in einem größeren
Ganzen. Er wird entweder zum Vater seiner selbst, oder er bleibt das ewige
Kind.
Die dritte Alternative könnte auch eine Mischform von beiden
bedeuten: Dass wir durch das Bewusstsein unseres Todes, Krankheit oder
politische und soziale Verfehlungen reifen und unser Leben bereichern können.
Ein anderes wichtiges Thema war und ist die Freiheit. Die
Freiheit als grundlegender Bestandteil der Existenz schien die Antithese des
Todes schlechthin zu sein. Während der Tod gefürchtet oder, als eine andere
Lösung „geliebt“ wurde, wurde und wird die Freiheit als etwas eindeutig
Positives betrachtet. Doch die Freiheit aus existenzieller Sicht war und ist
immer noch in Kurdistan mit Angst verbunden, denn schon der Begriff
,Kurdistan‘ sorgte für Gewalt und Schrecken gegen die Kurden aus
Kurdistan durch die Herrschenden. Die dortigen Alltagserfahrungen sind eben
nicht in ein wohlgeordnetes, von ewigen Gesetzen bestimmtes Universum, in einen
Frieden und Wohlsein hineingeboren zu werden und dies am Ende wieder zu
verlassen.
Freiheit bedeutet aber auch, und das sollte verdeutlicht
werden, dass man für seine eigenen Entscheidungen, seine Taten, für seine
eigene Lebenssituation verantwortlich ist.
Zwar kann das Wort verantwortlich auf verschiedenste Weise
interpretiert werden, ich ziehe jedoch Sartres Definition vor: Verantwortlich
sein bedeutet „Urheber sein“, das heißt, jeder von uns ist der Urheber seines
eigenen Lebensplans. Wir haben die Freiheit, alles außer unfrei zu sein: Wir
sind, wie Sartre sagt, „zur Freiheit verdammt“.
Die „kurdische Elite“ hat sich häufig dagegen gewehrt,
Verantwortung zu übernehmen. Deshalb kann es auch nur darum gehen, Techniken
und Projekte zu entwickeln, die dieser „Elite“ bewusst machen, dass sie die
Probleme zum Teil selbst verursacht oder eine Lösung erschwert. Daher ist neben
den vielen historischen Analysen und Interpretationen die Konzentration auf das
„Hier und Jetzt“ gefragt. Die Übernahme von Verantwortung bringt die „Elite“ vielleicht
etwas auf den Weg der Veränderung, bedeutet aber selbst noch nicht Veränderung.
Das Ziel aber kann nur Veränderung heißen, so sehr sich die „Elite“ auch um
Einsicht, Verantwortungsübernahme und Selbstverwirklichung bemüht. Freiheit
erfordert nicht nur Verantwortung für die existenziellen Entscheidungen dieses
so sehr geschundenen Volkes, sondern bedeutet auch, dass jede Veränderung einen
Willensakt voraussetzt.
Entscheidung bedeutet immer Verzicht: Jedes Ja erfordert ein
Nein, jede Entscheidung bedeutet das Ende für alle anderen Optionen.
Um es mit Thomas Hardys Worten zu enden: „Der Weg zum
Besseren, so es ihn gibt, erfordert einen schonungslosen Blick auf das
Schlimmste.“