Dieser Artikel wurde bei einer
Tagung in Bad-Boll vorgetragen und wurde zu einer Pulikation gemacht
Thema der Tagung: Kurden an der Macht im Irak
5 – 7 Dezember 2003
in der Ev. Akademie Bad Boll
Thema des
Referates
Die aktuelle und künftige
innerirakische Entwicklung
Teil 1: Das vergangene Irak
1. Einleitung
und Fragestellung
2. Beantwortung der
diversen Möglichkeiten
3. Legitimierung der Herrschaft
5. Partei und Gesellschaft
7. Opposition
1.
Frieden Statt Krieg
2.
Föderalismus oder Zentralismus
3.
Verfassung
4.
Übergang zu einer zivillen Gesellschaft
5.
Der Westen, Demokratie in der Region und ethnische Konflikte
6.
Wo Demokratie und Stabilität gibt, gibt es Entwicklung
7. Das Problem des Misstrauens
8. Die Irak-Problematik im Rahmen der Regionalenproblematik
Wie
ist es möglich, dass kein Herrschaftssystem zwischen 1920 und 1968 Staat und
Gesellschaft auch nur annähernd so total kontrollieren konnte, wie es seit 1968
im Irak geschieht? Und wie kam es, dass nach 1968 im Irak eine solche
Herrschaft, wie die der Baath entstehen konnte? Dient die Frage des Krieges und
der Gewalt als Instrument der Politik zur Herrschaftsstabilisierung? Und wie
stand das Verhältnis zwischen Krieg und Politik in Irak unter der
Baath-Herrschaft? Inwieweit spielten wirtschaftliche und machtpolitische
Interessen eine Rolle in Bezug auf die Anwendung von Krieg und Repression nach
innen und nach außen? Gibt es einen Einfluss der Innenpolitik auf die
Außenpolitik? In wie fern Beeinflusst ein Einzelperson als Entscheidungsträger
bzw. als Totalitärenherrscher persönlich den Verlauf von Krieg und Frieden?
Welche Rolle spielte die regionale und internationale Politik in Bezug auf die
stabilitäts bzw. destabilitätsfrage der Baath-Herrschaft im Irak? Und wie lässt
sich das Themas im Kontext der Nahost-Problematik einordnen? Schliesslich, wie
soll auf der Grundlage der bisherigen Baath-Herrschaft, die aktuelle und
künftige innerirakische Gesellschaft strukturiert sein?
Institutionen des Baath-Staates
- Der revolutionäre
Kommandorat (RCC)
Der revolutionäre Kommandorat (RCC)
der Baath-Partei war, als eine politische Elite des Systems, das wichtigste
Organ der Baath-Partei und war das höchste Gremium im Staat. Es war das oberste
legislative und exekutive Organ des Staates, es war also die höchste souveräne
Autorität im Irak und hatte laut Gesetz ein Vetorecht gegen alle Entscheidungen
der Nationalversammlung (Parlament). Über einen Revolutionsrat verfügten alle
Machthaber im Irak, aber nur unter der Baath-Herrschaft nach dem Putsch von
1968 bildete der RCC seine spezifischen Merkmale aus. Er wurde wie ein
Geheimbund oder Familienrat geführt.[8]
Der Präsident des RCC war Präsident
der Republik, Premierminister und Vorsitzender des Ministerrats in einem, ist
gleichzeitig Oberbefehlshaber der Streitkräfte, Repräsentant der Exekutive, er
nennt und entlässt die Minister und Richter und hat das letzte Wort, zumal er
über eine eigene Hausmacht – den Geheimdienst - verfügt. Es hieß seit dem 16.
Juli 1979 Saddam Hussein. Der Vorsitzende des RCC besitzt die absolute Immunität,
die nur vom RCC selbst aufgehoben werden kann.[9]
Die Schlussfolgerung liegt nahe,
dass die Machtkonzentration sich eindeutig zum Präsidenten des RCC verlagert
hatte. Shaker Alhamdani stellt in diesem Zusammenhang die Frage: „warum sich
Saddam im Jahre 1980 die Mühe machte, ein Parlament zu gründen, das ähnlich wie
die frühere Volkskammer der DDR vom Volk zu wählen ist, aber keinerlei
Befugnisse besitzt. Es darf lediglich Gesetzesvorschläge unterbreiten, sich
jedoch weder in militärische noch in finanz- oder staatssicherheitspolitische
Angelegenheiten mischen.“[10]
Partei und Gesellschaft
·
Politik
wurde in der islamischen Gesellschaft bzw. islamischen Tradition
tabuisiert.
Alle arabischen Gesellschaften bzw. Staaten, nicht nur im Irak, haben mosaikartige Strukturen. Da sich die heterogen strukturierte Gesellschaft dem Staat gegenüber indifferent verhät, versuchte dieser, anstelle der „abwesenden“ eine künstliche Gesellschaft zu kreieren. Er gründet Gewerkschaften und andere Massenorganisationen, die von ihm abhängig sind. Die neue Gesellschaft ist eine „staatliche“ Gesellschaft, die nach dem Ebenbild des Staates entworfen ist und lediglich den Schatten des Staates über die Gesellschaft darstellt.[16]
Auf die Baath-Herrschaft in Syrien traf
zu, was eine Gruppe arabischer Sozialwissenschaftler in der gesamten arabischen
Welt beobachtete:
Saddam Hussein
Saddam Hussein kann nur für
Menschen ein Idol sein, die seit 800 Jahren, als Sultan Saladin die Kreuzfahrer
aus Jerusalem vertrieb, keinen arabischen Helden mehr gesehen haben. Er
verstand es, Panarabismus, antiwestlichen Radikalismus und islamischen
Fundamentalismus mit Resten marxistischer Ideologie zu verbinden. Er
propagierte den heiligen Krieg, den nationalen Befreiungskrieg und den
Klassenkampf gleichzeitig.[18] Saddam Hussein traf den Nerv der Araber. Viele von
ihnen fühlen bis zur Gegenwart die Niederlage, die der Westen ihnen zugefügt
hat. Der irakische Präsident gilt im Gedanken vieler Araber als ein „neuer
Nasser“, der als Herausforderer Israels
und des Westens die Araber im Kampf gegen Imperialismus vereinte. Die Masse
Arabiens ist in Palästina, Jordanien oder Ägypten davon überzeugt, nur ein
starker arabischer Führer könne sie von der Niederlage bzw. Schande gegen
Israel und von der Abhängigkeit von ausländischen Mächten erlösen.[19]Saddam
Husseins Propaganda und Versprechungen waren meines Erachtens nichts anderes als der Versuch, die Araber
in Schach zu halten. Dies diente aber nur der eigenen Herrschaftssicherung und
machtpolitischen Interessen. Es stellt sich die Frage, wieso die arabische
Bevölkerung dies nicht wahrzunehmen schien.
Ein wichtiger Grund dafür liegt
meines Erachtens in der Mangel an Ideologie. Wie ist es zu erklären? Der
Kommunismus ist gescheitert. Der arabischen Nationalismus eben so. Sowohl den
von Nasser, vor allem seit der Niderlage des Juni-Krieg, als auch den von
Saddam Hussein. Das politische Islam, zumindest in seinem Fanatismus scheint
die letzte ideologische Waffe sein. Dies kann allerdings langfristig auch keine
Lösung einbringen. Daher brauchen die Menschen in solchen Regionen, und unter
solchen Umständen immer wieder einen lebendigen Führer. Vorgestern war es
Nasser, Gestern war es Saddam und heute Bin Laden, und morgen werden sie sich
einen neuen Führer suchen, und dies so lange die Situation so bleibt wie
bisher. Nur in der Domkratisierung und Entwicklung der Region auf allen
politischen, wirtschaftlichen und sozialen Ebenen kann die Lösung möglich sein.
Eine solche Situation kommt
sicherlich auch dem Westen zu gute. Daher ist Unterstützung und Kooperation
Notwendig geworden, wenn die internationale Politik, vor allem der Westen
Interesse an solchen Stabilität haben, und auch die Unterstützung der
Diktaturen unterbinden.
Opposition
Die irakische Opposition war aufgrund ihrer politisch-ideologischen und ethnisch-religiösen Heterogenität und ihrer unterschiedlichen Außenbeziehungen so zerrissen, daß sie keine gemeinsame politische Strategie gegenüber Saddam Husseins Regierung effektiv aufbauen konnte. Diesen Schwachpunkt der Opposition konnte die Baath-Partei für ihre eigenen politischen Ziele bzw. für die Stabilisierung ihrer Herrschaft geschickt ausnutzen. Die Saddam-Regierung als Allein-Herrschaft war ein Produkt der irakischen und regionalen Bedingungen, weil die Widersprüche im Land stärker sind als der oppositionelle Zusammenhalt: (1/3 Kurden, ca 55% Schiiten,[20] ehemals stärkste KP der Region, Zersplitterung der irakischen Opposition, Grenze zu Iran, Türkei und Syrien etc.).
Die mosaikartige Struktur der irakischen Bevölkerung hat meines Erachtens die Spaltung der Opposition entlang der ethnischen Grenzen ermöglicht. Zudem profitierte Saddam Hussein von der weitverbreiteten Furcht vor den Islamisten: Ein islamisch-schiitisches Regime hätte die arabischen Golfstaaten und ihre Verbündeten vor ein Dilemma gestellt, das unlösbar schien, was dazu führte, dass Saddam Hussein als das kleinere Übel betrachtet wurde und die Macht sehr lange behalten durfte.[21]
Teil 2
Die aktuelle und die künftige innerirakische Entwicklung
Angesichts der Analyse der Situation im Irak zur Zeit der Baath-Herrschaft, und aufgrund der innerirakischen Strukturen (politisch, religiös, sozial und ökonomisch), stellt sich die Frage, was für ein politisches System bzw. Alternative ist für den heutigen Irak nach Post-Saddam Ära am sinnvollsten geeignet? und wie kann es umgesetzt werden?
*Was den heutigen Irak braucht ist genau das Gegenteil von dessen, was unter der Baath-Herrschaft prakitiert wurde, nämlich: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, politische und gesellschaftliche Pluralismus und freie Marktwirtschaft. Also ein demokratische, föderative und parlamentarische Irak mit einer ständigen Verfassung nach dem abhalten eines Volksreferendum. Der Irak ist ein reiches Land und ist im Stande unter Anwendung einer vernünftige Politik seine Bevölkerung ausreichend ernäheren, für seinen Wohlstand zu sorgen, und auch den Export stark erhöhen kann. Öl spielt dabei eine lebenswichtige wirtschaftsquelle.
Frieden statt Krieg
Der neue Irak muss sich entschieden von Kriegen und Agressionen abwenden, und einen friedlichen Kurs einschlagen und zwar nach innen und nach außen. Mit diesen Schritten musste wenige für Repressalien, für Militarisierung und für Kriege ausgegeben werden, die u. a. zur Bereicherung der internationalen Waffenexporteure geführt hat, statt dessen sollte in die Infrastruktur und für den gesellschaftlichen Wiederaufbau, für Kultur, Bildung und Entwicklung investiert werden. Auch die Geschichte des Irak muss deutlich gemacht haben, dass Gewalt, Krieg und Diktatur niemals Lösung der bestehenden Problemen sein kann.
Föderalismus
oder Zentralismus
Obwohl es bei den verschiedenen Ethnien starke
Tendenzen zum Aufbau eigener staatlicher Gebilde gibt, beharren die regionalen
und internationalen Mächte auf der Aufrechterhaltung des Status quo
hinsichtlich der Staatsgrenzen. Angesichts dieser Voraussetzungen kann, meiner
Ansicht nach, eine föderalistische Staatsform für die gegenwärtige Situation im
Irak ein Lösungsmodell sein, ebenso wie für die Vielvölkerstaaten der Region,
wie z, B. für die Türkei oder den Iran. Der Föderalismus ist ein wirksamer
gesetzlicher Schutz gegen jeden Versuch des Zentrums zur Minderung der Macht in
der Peripheri, und wird das Land politisch teilen, aber seiner geographische Struktur
aufrechterhalten. Dieses Modell für den Irak sollte meines Erachtens so
aussehen, daß im Norden eine kurdische Regionalregierung ernannt wird, und im
Süden eine arabische, nämlich für die Schiiten im Süden und in der Mitte des
Irak ebenfalls eine eigene Verwaltung für die Sunniten, mit Bagdad als
Hauptstadt.
Aufgrund der geschilderten Situation komme ich zu
der Überzeugung, dass für den Irak das Modell, das sich an die Struktur der
Schweiz ähnelt, denkbar, aber mit bestimmten Änderungen mit Rücksicht auf die
spezifischen Situation des Irak, ethnisch, geographisch und Religios. Da der
Irak aus zwei haupt nationen Besteht, nämlich Kurden und Arabern, halte ich
eine nationale und geographische Festlegung für Wichtig und Notwendig, also
eine weitgehende Föderalismus. Der neue Irak kann kein arabischer Irak werden, und ist,
abgesehen von der arabischen Bevölkerung, auch kein Teil der arabischer Welt.
Das schweizer Modell ist allerdings nicht
unproblematisch, da die Iraker, anders als die Schweizer, ihr „Bündnis“ nicht
freiwillig eingegangen sind. Die Kurden im Irak fühlen sich nicht als Iraker,
sondern als ein Teil der kurdischen Nation. Eine Nation, die nach dem zweiten
Weltkrieg von den europäischen Kolonialmächte gegen den Willen seine
Bevölkerung aufgeteilt und kolonialisiert wurde. Die irakischen arabischen
Sunniten und Schiiten hingegen fühlen sich der arabischen Nation zugehörig. Die
Schiiten fühlen sich aber vielmehr an ihrer Religion gebunden, also an Schiismus
als an die Nationalismus, und haben zu den arabischen Sunniten starke
Differenzen. Die Differenzen sind politische, ideologische und religiose Natur,
die mit der Einmischung von Aussen noch mehr angeheizt werden. Sie wollen einen
Gottesstaat wie nach dem iranischen Modell. Die arabischen Sunniten
identifizierten sich mit der arabischen Nation und traten stets für einen
panarabischen Staat ein. Für die arabischen Schiiten, etwa 60% der gesamten
Bevölkerung, bedeutete die Identifikation mit einem Staat, der von der
sunnitischen Minderheit (18% der Bevölkerung) kontrolliert wird, kann keine
Zustimmung finden.Die arabischen Nationalisten
stehen im krasen Gegensatz zu den Schiiten und zu den Kurden. Wir haben in der
Vergangenheit gesehen, dass aus der arabischen Nationalismus Baathismus und
Saddam Hussein entstanden ist.
Dieses Modell der Föderalismus ist nach innen
zwar problematisch, aber nicht aussichtslos, nach aussen aber ist nicht gegen
die Politik des Status quo, die die regionalen und die internationalen
Großmächte immer noch vertreten, es sei denn die gesamte Region wird neu
umstruktuiert und die Karten werden neu gemischt. Wenn der Irak nur aus einer
Nation, einer Religion bzw. einer Konfession bestünde und gleicher politischer
Auffassung wäre, wäre eine Diskussion über solches Modell sicherlich nicht
notwendig bzw. nicht so komplitiert wäre.
Angesichts diese Tatsachen halte ich das Abhalten
eines Referendums (Volksbefragung) im gesamten Irak für Notwedig, dass damit
die tatsächlichen Wünsche der irakischen Völker in einem zukünftigen Irak zum
Ausdruck gebracht wird, das daraus dann eine ständige Verfassung entsteht.
Es stellt
sich hier die Frage, welches Modell die USA und die Briten nach Post-Saddam Ära
dem als politische Alternative für den Irak planen. Ein afghanisches Szenario?
Eine politische und Zahlenmäßige Umstruktuierung des Regierungsrates?
Stabilität oder Instabilität? Wohin der Weg führt, entscheiden letztlich wohl
die politischen und wirtschaftlichen Interessen der USA und ihrer Verbündeten,
aber auch der Kampf der Iraker selbst und die daraus entstehenden Struktur.
Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind,
wird der Irak aussenpolitisch im Stande sein sich künftig: politisch,
wirtschaftlich und kulturell in die freie Welt Öffnen.
Das Interesse des Vielvölkerstaats Irak
liegt darin, dass das politische Zentrum sich nicht in die inneren
Angelegenheiten diese Völker einmischt, und zwar Ethnisch und Religios.
Notwendig ist also die Minderung der
Macht des Zentrums in der Peripherie. Die politische Natur des Zentrums ist die
Ursache dafür, wenn auch in Zukunft nicht die Politik der Vernunft und
Rationalität entscheiden wird. Es ist offensichtlich, dass das Streben der
jeweiligen Staatsregierung nach Machterhalt oder –ausbau die Ursache für die
Fortsetzung der Konflikte ist. Die politische Geschichte des Iraks macht dies
deutlich. Die ethnischen Konflikte bzw. die Integration der
verschiedenen Ethnien läuft in den verschiedenen Staaten unterschiedlich ab.
Bei den Kurden im Irak war der Konflikt existent schon bevor der Staat Irak
gegründet wurde und nicht erst nach der Dekolonisation. Die Briten haben
während der Kolonialzeit nie Versuche zur Integration der Ethnischen Gruppen im
Irak bzw. im Nahen Osten unternommen..
Der Staat Irak entsprach weder den Auffassungen der kurdischen Nationalisten, noch den Vorstellungen der arabischen Sunniten und Schiiten, die auf einen umfassenden arabischen Staat abzielten. Der Staat wurde gawaltsam erschaffen und stützte sich nicht auf Legitimation. Ein Teil Kurdistans (Welajat Mossul) wurde gegen den Willen der Kurden dem neu gegründeten Staat Irak zugeschlagen. Die Kurden waren nicht bereit, zu Gunsten des neuen Staates ihre nationalen Interessen zu opfern. Die Entstehung einer irakischen Nation, wie es sich die Staatsgründer, die Briten, vorstellten, blieb angesichts der Vielfalt der ethnischen und religiösen Gruppen und wegen des Fehlens einer Legitimation unerfüllt.
Die britische Kolonialismus nahm bei ihrem
Plan der Aufteilung des Irak infolge des ersten Weltkrieges keinerlei Rücksicht
auf die ethnische und religiose Struktur des Landes, und nur eine Ethnie wurde
die Macht überlassen. Eine politische Entscheidung, die für Jahrzehnte für
Konflikte sorgte. Auch die SU vertrat
die Position des Statusquo in der Region. Die Nationen, die in diesen
Staaten lebten, sollten sich demnach innerhalb ihrer Staaten weiterentwickeln.
Die europäischen Kolonialisten dachten nur an ihren strategischen und
ökonomischen Interessen.
Die ganze Problematik liegt meines Erachtens
gerade in diesem Punkt. Wenn die britische Kolonialmacht nach der Gründung des
Staates Irak im Jahre 1920 alle
ethnischen und religiösen Gruppen des Landes, einschließlich der Shiiten und
Kurden an der Macht des neu gegründeten Staates beteiligt hätte, wären diese
bis heute unlösbaren ethnischen und religösen Fragen kein chronisches Problem
in diesem Land.
Verfassung
Der Irak braucht eine ständige Verfassung, die alle Wünsche und Grundbedürfnisse des Landes und seine Vielvölkestruktur berücksichtigt. Eine Verfassung, die in der Tat umgesetzt werden konnte und musste, und nicht wie unter dem alten Irak lediglich auf dem Papier existiert. Zu diesem Zweck müsste zunächst Delegationen bestimmt werden, um einen Verfassungsentwurf für den späteren abstimmen vorzubereiten. Drei Verfahren bieten sich an: durch allgemeine Wahlen, durch Ernennung und durch eine Kombination beider Methoden. Wahlen werden vor allem von den Schiiten befürwortet, die bei einem Bevölkerungsanteil von mindestens 60 Prozent sich eine Mehrheit im Verfassungsausschuß erhoffen. Es ist allerdings nicht alle schiitischen representanten religiös orientiert. Die Kurden deren Anteil weit geringer ist, ziehen eine Kombination von Wahl und Ernennung vor. Alle drei Verfahren erfordern zunächst eine Volkszählung, die zusätzliche Schwierigkeiten wie die Feststellung der Nationalität und die Erfassung der Exil-Iraker mit sich bringe. Einigkeit besteht in dem Komitee über die Frage, wie der künftige irakische Staat beschaffen sein soll: demokratisch, föderativ und mit einem Mehrparteiensystem versehen. Die Frage des Föderalismus benötigt aller dings Interpretationen, wer und was er unter Föderalismus verstehen möchte.
Übergang zu einer zivilen Gesellschaft
Im Irak ist, so wie an den Staaten des Nahen und Mittleren Ostens, deutlich zu beobachten, dass der Übergang zu einer zivilen Gesellschaft nicht leicht übernommen werden kann. Das heisst, dass der Wechsel bzw. der gesellschaftliche Wandel zur Demokratie einen schwierigen Prozess darstellt. Die personelle Dominanz im politischen und die Korruption im wirtschaftlichen Bereich setzt sich immer wieder durch. Die Unterordnung von Staat und Armee unter der Kontrolle der Partei, wobei die Partei und die bürokratischen Eliten mit ihren Institutionen wiederum unter der Kontrolle des Herrschers stehen, führt dazu, dass dieses System sich langfristig festigen kann. Es ist im Irak bisher nicht gelungen, ein institutionelles Gegengewicht zur personifizierten autokratischen Herrschaft zu schaffen. Ebenso hat die Korruption im Patrimonialen Staat des Irak der Systemstabilisierung gedient, wie verheerend sie auch für eine entwicklungsorientierte Nutzung der gesellschaftlichen Ressourcen sein mag. Nur in einer demokratischen und zivillen Gesellschaft können auch die wahren Rechte der Frauen und die der Menderheiten gewährt werden.
Der Westen, Demokratie in der Region und
ethnische Konflikte
Der
Westen, einerseits durch seine Stellung in der UNO, und andererseits als
politische, militärische und wirtschaftliche Macht, kann bei der Lösung der
Probleme im Nahenn Osten mithelfen und ernsthaft bei der Gestaltung der Region
mitwirken. Das gilt insbesondere für die USA aufgrund ihres besonderen und
vielfältigen Einflusses auf die Region. Kann aber der Westen dies zugunsten der
vernachlässigten Völker der Region entscheiden und durchführen ohne seine
eigenen Interessen zu vernachlässigen? Durchaus, denn, als Beispiel, die
Interessen der Kurden überschneiden sich an einigen Stellen mit den Interessen
des Westens, wie im Fall der Situation im Irak. Die Kurden müssen stets
versuchen, eine friedliche Beziehung zwischen den Völkern der Region,
insbesondere mit denen sie innerhalb des jeweiligen Staates leben, auf der
Grundlage der Gleichheit aufzubauen. Jede Feindschaft zwischen den Völkern,
Minderheiten bzw. gesellschaftlichen Gruppen der Region baut Konflikte und
Entsolidarisierung auf. Innere Auseinandersetzungen haben negative Auswirkungen
auf die Beziehungen der Völker der Region und auf die staatliche Stabilität. Daher
basiert der Aufbau eines neuen Nahen und Mittleren Ostens auf dem Versuch,
friedliche Beziehungen unter den dort lebenden Völkern zu verwirklichen. Der
Irak kann ein erfolgsbeispiel sein. Das würde dann Auswirkungen auf die
zwischenstaatlichen Beziehungen haben. Ein struktureller, politischer und
wirtschaftlicher Zusammenhalt ähnlich der europäischen Union ist für die Region
lebensnotwendig und fördert die demokratische Entwicklung der einzelnen
Staaten. Ohne eine solche Beziehung bzw. Entwicklung erscheint mir eine Lösung
der Konflikte nicht möglich. In einer solchen Entwicklung kann die Lösung auch
der ethnischen bzw. nationalitäten Konflikte bestehen.
Am Beispiel der Kurden im Irak wird deutlich, dass auch die internationale Politik bei der Lösung der regionalen und ethnischen Konflikte versagt hat. Ein unveränderliches und grundsätzliches Interesse für die Kurden bzw. des gesamten Irak liegt darin, dass Demokratie nicht nur im Irak, sondern in allen Staaten des Nahen und Mittleren Ostens allgemein entsteht und befestigt wird, insbesondere in den Staaten, in denen die meisten Kurden.
Wo Demokratie und Stabilität gibt, gibt
es Entwicklung
Die Ursachen der Konflikte und kriegerischen Auseinandersetzungen liegen unter anderem tief in den sozialen und ökonomischen Mißständen und im Unterdrückungsapparat. Wo es Demokratie und Stabilität gibt, gibt es meines Erachtens Entwicklung. Am Beispiel der Kurden im Irak sollten die politischen, geschichtlichen und ethnischen Hintergründe zur Debatte gestellt werden, die die Integration verschiedener ethnischer und regionaler Gruppen in den postkolonialen Staaten zum Scheitern brachten. Als Folge dieses Phänomens sind ethnische Konflikte aufgetreten. Konflikte, bei denen die Ethnien versuchen, den Status quo zu ändern.
Das Problem des Misstrauens
Die Bevölkerung des Iraks und die politischen Kräfte hat aufgrund ihrer geschichtlichen Erfahrungen das Vertrauen in die Politik und in die politische Macht verloren. Die Menschen des Landes haben in der Tat Gründe genug, um die internationale Politik, insbesondere die US-Politik mißtrauisch gegenüber zu stehen. Kurz nach dem Ende des zweiten Golfkrieges wurde den Schiiten von den britischen Militärs und von US-Offizieren der Zugang zu Waffendepots, und somit die erforderliche Unterstützung für ihren Aufstand verweigert. In Kurdistan ließ sie die Saddam Husseins Administration ungehindert nicht nur Flugzeuge einsetzen, sondern irakische Soldaten gingen brutal gegen die aufständische Zivilbevölkerung vor. Deutschland ermöglichte Saddam Husseinsregime den Besitz von Giftgas, das später gegen Kurden und gegn den Iranern eingesetzt wurde. Ost und West verkauften dem Regiem alles, was man zum töten braucht.. usw.
Die USA hatten im zweiten Golfkrieg die
Möglichkeit, die gemässigte Opposition zu unterstützen, um die Baath-Herrschaft
abzulösen, die aber bewußt nicht
wahrgenommen haben, und so konnte Saddam Hussein bzw. die Baath-Partei
ihre Macht vor dem Gefahr eines Stürtzes retten und sie stabilisieren. Diese
hat bei den Irakern auf allen Ebenen des Lebens starke Spuren hinterlassen, so
dass viele jetzt – nachdem der Umsturz endlich erfolgt ist - der amerikanischen
und britischen Besatzung großes Misstrauen entgegenbringen.
Ich bin der Ansicht, dass die Zentralgewalt unter der Baath-Herrschaft eine Gegengewalt der Opposition hervorgerufen hat und so ist eine atomisierte Gesellschaft entstanden. Mangel an Demokratie hat dazu geführt, dass die Opposition radikale Untergrundaktivitäten ergreifen musste.[22] Nun kann der Westen mit helfen, das Land und seine Menschen in ihrem Kampf für Demokratie aufzubauen. Solche Schritte wird dazu beitragen Terrorismus den Boden unter die Füsse zu ziehen. Armut und Ungerechtigkeit sind Nährboden für Aufstand und Gewalt.
Die Irak-Problematik im Rahmen der Regionalenproblematik
Die Problematik der vorliegenden Arbeit kann noch besser verstanden werden, wenn die Ursachen der Konflikte insgesamt im Kontext der Regionalen Problematik etwas näher dargestellt werden, die hauptsächlich auf folgende Faktoren zurückzuführen sind:
1. Im Mittleren Osten bestehen einige
konkurrierende und heterogene Systeme, die einander bekämpfen. Sie versuchen
einander zu unterwerfen, um übereinander zu dominieren. Diese Heterogenität und
Differenziertheit ruft eine Atmosphäre von großer Konkurrenz hervor, die sowohl
in der Vergangenheit wie auch in der Gegenwart zur Aufrüstung mit modernsten
und brutalsten ABC-Waffen geführt hat. Die ideologischen und strategischen
Differenzen und die Notwendigkeit der Wahrung der nationalen Sicherheit sind
ebenfalls Gründe für die Unbeständigkeit des Friedens und die Unruhen in dieser
Region. Der Irak bedroht seit 1961 Kuwait mit ständigen Grenzkonflikten, die
schließlich, im August 1990, zur Besetzung des Landes durch die irakische
Regierung unter Saddam Hussein führten. Acht Jahre Krieg zwischen dem Irak und
dem Iran, bei dem es fast zwei Millionen Tote und Verletzte gab, das Eindringen
des türkischen Militärs seit 1982 in das irakische Kurdistan und schließlich
die Drohungen der Türkei gegen Syrien und der ständige arabisch-israelische
Konflikt haben wiederum Auswirkungen auf
die Beziehungen der Völker in der Region. Nationale und religiöse Minderheiten,
die in der Region leben und unter Unterdrückung und Ungleichheit leiden, haben
Probleme, die weit in die Geschichte zurückgehen. Die Empfindlichkeit der
Staaten des Nahen und Mittleren Ostens ist außerordentlich groß gegenüber
regionalen Forderungen und Wünschen, die auf eine Steigerung der Macht der
Periphärie hinauslaufen. In fast allen
Staaten des Nahen und Mittleren Osten regiert(e) eine Minderheit oder ein Clan
über die Mehrheit der im Land lebenden Völker, so im Iran, Irak, in Kuwait oder
einigen anderen Golfstaaten. Die Einmischung der regionalen Mächte in die
Probleme der Ethnien, später die Einflußnahme der internationalen Staaten,
haben weltweite Dimensionen angenommen, wie am Beispiel der Kurden im Irak nach
dem zweiten Golfkrieg deutlich wurde.
2. Die Demokratie hat in der Region keine Wurzeln, und die politische Geschichte der Region ist die Geschichte einiger aufeinanderfolgender undemokratischer politischer Systeme. Bis heute glauben die meisten Regierungen der Region weder an eine Beteiligung des Volkes an der Politik noch an ein Mehrparteiensystem oder eine pluralistische Gesellschaft. Dem Volk wird das Recht verweigert, diejenige Regierung zu wählen, die es will. Es finden nur in einigen wenigen Staaten des Nahen Osten freie Wahlen statt, beispielsweise in der Türkei oder in Israel. Allerdings: In der Türkei ist das Wählen obligatorisch.In der Türkei regiert hauptsächlich das Militär - und zwar hinter den Kulissen. In einigen Ländern wie Saudi Arabien oder Kuwait regieren Oligarchien oder Familien, die einander ablösen. Diese regierenden Kräfte haben bewiesen, daß sie auf eine gefährliche und erstaunliche Weise die Fähigkeit zur dauerhaften Existenz und Machtausübung besitzen. Die jüngere Geschichte hat gezeigt, daß die Veränderung von politischen Prozessen oft mit Zwang und manchmal sogar durch Anwendung von extremer Gewalt erreicht wurde. Beispiele hierfür sind die Annexion Kuwaits durch die irakische Regierung oder die Entmachtung der irakischen Regierung mit Hilfe des Militärs seitens der US-Regierung.
Salar
Bassireh
Zum Autor: Bassireh ist kurdischer Volkszugehörigkeit und stammt aus dem Irak. Er lebt seit vielen Jahren in Deutschland im Exil. Er studierte Politik und Medienwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg und steht kurz vor dem Abschluss seiner Doktorarbeit über das politische System im Irak. Zudem ist er als freier Journalist tätig.
[1]) Samir al Khalil, Republic of Fear, Los Angeles, 1989, zitiert nach Ferhad Ibrahim, Staat und Gesellschaft im Irak unter der Herrschaft der Baath-Partei, in: Zeitschrift für Politik und Ökonomie in der Dritten Welt, Nr. 42, Münster, 1991, S. 20.
[2]) Vgl. ebenda, S. 30.
[3]) Peter Pawelka, Herrschaft und Entwicklung im Nahen Osten, Heidelberg, 1985, S. 24.
[4]) Vgl. Hans Ritscher (Hg.), Welt der Politik, Frankfurt, 1971, S. 3.
[5]) Geomagazin, Die Wurzeln der Konflikte, 1992, S. 200.
[6]) Vgl. Harald Möller, Der Krieg Irak-Iran, 1980-88,
Berlin, 1995, S. 124; Vgl. F. Ibrahim, Staat und Gesellschaft im Irak, a. a.
O., S. 24.
[7]) Vgl. Reinhard Kuhn, Totalitäre Herrschaft, in: H. Ritscher (Hg.), Welt der Politik, a. a. O., S. 35.
[8]) Vgl. ebenda S. 181.
[9]) Vgl. I. Vanly, Kurdistan und die Kurden, Band 2, a. a. O., S. 155.
[10]) Die irakische Verfassung bestand zwischen 1958 bis 1990 aus einer lediglich provisorischen Verfassung. Ab 1990 hat die irakische Regierung eine „entgültige“ Verfassung verabschiedet.
[11]) Ebenda.
[12]) Vgl. H. G. Lobmeyer, Syrien, Das Reich des Leviathan, a. a. O., S. 80.
[13]) Vgl. ebenda, S. 82.
[14]) Vgl. ebenda, S. 77.
[15]) Vgl. P. Pawelka, Herrschaft und Entwicklung, a. a. O., S. 61.
[16]) Ebenda, S. 23-24.
[17]) Hans Günter Lobmeyer, Syrien, Das Reich des Leviathan, a. a. O., S. 80.
[18]) Vgl. FAZ, 22.08.1990,
S. 3.
[19]) Vgl. W. G. Lerch, Vielleicht ohne Wiedergeburt, a. a. O., S. 10.
[20]) Vgl. J. Hippler, Reader zum Golfkrieg, a. a. O., S.
31.
[21]) Vgl. F. Ibrahim, Staat und Gesellschaft im Irak, a.
a. O., S. 38
[22]) Im weiteren (soziologischen) Sinne ist Opposition
das Bestreben von Parteien, Vereinigungen, Gruppen, Cliquen und Einzelpersonen,
Ziele zu verwirklichen, die mit denen der Träger politischer, wirtschaftlicher
und sozialer Autorität im Widerspruch stehen, gleichgültig, ob sie sich hierzu
parlamentarischer oder sonstiger Methoden bedienen. (Vgl. Fischer Lexikon,
Staat und Politik, S. 226).